Sie hat Spaß


 
Interpret/Komponist: Vanessa Mae
Titel: Storm
Tracks: 14
Label: Emi
Website: www.vanessa-mae.com  


Die seit ihrem Debutalbum "The Violin Player" 1995 vielfältige Aufmerksamkeit erregende Ausnahmemusikerin wurde als Tochter eines Thailänders und einer Chinesin geboren; ihr Adoptivvater Graham Nicholson ist Brite. Vanessa Mae lebt in London. Sie begann im Alter von drei Jahren Klavier und erst danach mit fünf Jahren Violine zu spielen. Mit zehn war sie beim London Philharmonic Orchestra mit der Aufnahme in das Royal College of Music nur ein Jahr später. Vanessa-Mae spricht Englisch, Französisch, Spanisch, etwas Deutsch und Chinesisch.
 
    
 

Trotz dieser und vieler weiterer Erfolge und Preise wird sie in der strengen Welt der Klassik oftmals noch immer geschmäht. In ihrer Philosophie und ganz offensichtlich in ihrer musikalischen Praxis steht der Spaß an der Musik klar im Vordergrund. Damit tun sich gewisse Wächter der Kunst seit jeher schwer. Die in Hotpants ihre pubertäre Erotik lebende Künstlerin vergraulte solche Gestalten gleich zu Beginn ihrer internationalen Karriere. Erotik scheuen vor zwanghafter Regeltreue staubtrockene Kulturhüter wie der Teufel das Weihwasser. Wörtlich.

Vanessa Mae macht es ihnen nicht leicht. Ist sie doch hochgradig virtuos, musikalisch extrem vielseitig, bildhübsch, ohne Hehl bezüglich eines gerne genutzten Sexappeal, hervorragend intelligent und mit ihrer ausgezeichnet freundlich angenehmen Art eine souveräne, selbstbestimmte Frau. Sie hat Spaß, sie findet ihn wichtig, vielleicht das Wichtigste an der Musik und sie kann ihn vermitteln. Vanessa Mae macht Spaß. Besonders live. Vanessa Mae wandelt stets über frisch mit Wasser bespritzten Rosenblättern auf die Bühne.

Wenn sie einem freimütig nach geduldig unzähligen Fotowünschen der immer gleichen und dann neuen Fans bereitwillig ohne Allüren stets freundlich nachgebend gegenübersteht und in die Augen blickt, spürt man eine segenspendende, klare Energie herrlich strahlender Schönheit.

Eigentlich mochte ich keinem ihrer auch unterschiedlichen Platten, welche allesamt besondere Perlen enthalten, den Vorzug geben. Dieses bietet einmal mehr ein wunderbares Potpourri scheinbar unvereinbarer Stilistiken mit durchweg gelungenen Arrangements teilweise bekannter, klassischer, fernerer und spezieller Titel. Insgesamt ist es poppig. Dabei energetisch sehr kraftvoll.

Auf das sanft einleitende "Summer Haze" folgt die sehr an Vivaldis Jahreszeiten erinnernde Titelnummer "Storm". Die gerät manchmal haarscharf nicht aus den Fugen. "Retro" kann ganz gut als eigenständige Synth-Fusion Nummer erklärt werden. Das hübsche "Bach Street Prelude" in sich kapriziös entwickelnden, sich bisweilen verklärendem Computerspieluhrenarrangement kommt als Nächstes. Kontrastreich dann eine erzählerische Gipsy-Moritat. Kippt sie manchmal wieder klassische Motive birgt sie überbordende, spielfreudige Musikalität.

Aber jetzt geht´s erst los: Der "Can Can". Garant für gute Stimmung als knallharte Disco-Hymne. Wer will da "Nein" sagen? (und wenn, selber schuld) Stromgeige und Gestöhne. Accelerando zum Schluss und künstlicher Chor. "Can, Can (You?)" lautet der abgewandelte Titel. Sie kann´s. Und zwar hemmungslos.

"Happy Valley" total anders. Eine Modern-Classics Celebration mit asiatischen Elementen und echtem Chinesen Chor. Zur Wiedervereinigung Hong Kong´s mit dem Festland. Da kann man nicht meckern. "A Poet´s Quest (for a Distant Paradise)" -für was sonst?- ist poetisch. (was sonst?) Sehr salbungsvoll. "Embrasse Moi (You fly me up)", die erste Nummer mit Vanessa an den Vocals. Himmlisch. "Aurora" trägt uns schwungvoll mit Violinengeschmacht über die Landschaften. "I´m a doun" ein sentimentales schottische Volkslied aus dem 19. Jahrhundert. Aufwendig orchestriert und nicht so langweilig wie "Mull of Kintyre". (Sorry Paul.) Jetzt der damalige Aufhänger: Donna Summers No.1 "I Feel Love" mit Vanessa on Vocals. Unweigerlich Disco. Hart, kühl und schwülstig. Dieser sehr spacy.

Extrem cool im Anschluss die fantastisch Starke Nummer "Hocus Pocus" der frühen Klassikrocker aus den Niederlanden: "Focus". Damals eine Sensation. Frisch wie nie kommt sie hier mit Hilfe fortgeschrittener Aufnahme - und Klangtechnik in grossartig entwickelter Neuauflage und musikalisch voll der Freude einer beim Spiel tanzenden, jungen Frau daher.Alles mündet im sakralen "The Blessed Spirits". Eine Frau, die dankbar und glücklich ist, sich an der Spitze ihrer Zunft und des Daseins zu befinden. Genau da, wo Menschen wie sie hingehören .

P.S.: Wenn ihr eine moderne Version der "Vier Jahreszeiten" von Vivaldi (in originaler Version mit nur leicht angepasstem Arrangement und mit zusätzlichem Material auf der Platte) sucht, seien euch auch diese von Vanessa Mae an´s Herz gelegt. Sehr lebendig und Vivaldi hätte sich womöglich gefreut (denn der Barock war kein Zeitalter "unveränderlicher Vierecke") auch ´mal wieder eine die Strenge durch Lust am Spiel durchbrechende Version zu erleben.

bernhard r.c.faaß www.empyreal.de

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