Wirklich gutes Live-Feeling


 
Interpret/Komponist: Thin Lizzy
Titel: Live & Dangerous
Tracks: 17
Spieldauer: Damals Doppelalbum, wie sich das für ein Live-Album gehörte
Label: Phonogram / Vertigo
Website: www.thinlizzy.org + www.thinlizzyonline.com 


Liebhabern des Genres muss man Thin Lizzy kaum ans Herz legen. Zwar erhielten sie nicht den Rang von Namen wie Sabbath, Purple oder Zep, aber wenn man Rockmusik schätzt und von der Band noch nichts gehört hat, werdet ihr mit diesem Album eine helle Freude haben. Die irische Band um den trotz virtuoser Gitarrenarbeit dominierenden Bassisten und Sänger Phil Lynott gilt zu recht als hervorragende, wenn nicht eine der besten Live-Rock-Bands. Und was ist Rock anderes als Livemusik? Dieser reichlich legendäre Zusammenschnitt verschiedener Konzerte der "Johny the Fox"- und "Bad Reputation"-Touren (1976 + 1977) vermittelt wirklich gutes Live-Feeling.
 
    
 

Der Bandname erinnert zuerst an das erste Serienautomobil der Welt, die berühmte Tin Lizzy, die blecherne Elizabeth von Ford, ist aber aus einem Comic namens “Beano“, dessen weiblicher Roboter mit Namen Tin Lizzie wohl auch auf dem Fahrzeug beruht. Mit dem zusätzlichen H im Thin, welches der irische Akzent wie Tin ausspricht, gewinnt er einen zusätzlich erotischen Aspekt der Deutung und ist gleichzeitig frei von der Gefahr Marken- und Urheberrechte zu verletzen.

Schon lange vor Metallica hatte die Band mit "Whiskey in the Jar" 1973 und 1976 mit "The Boys are Back in Town" (auch auf diesem Album) große Hits. Die Wiederbegründung der Band 1999 bietet leider nicht mehr das Original-Line-Up. Angesichts des Todes der zentralen Figur Phil Lynott (bereits 1986), welcher seinem Drogenkonsum angelastet wird, ist das spezielle Flair einer ausnahmsweise nicht englischen und ausnahmsweise von einem höchst charismatischen, noch dazu schwarzen Bassisten irischer Herkunft mit erstklassiger Stimme geführten Band nun Rockgeschichte.

Rockgeschichte ist auch "Live & Dangerous". Fantastisch zu hören ohne Lows oder schwachen Nummern bietet es hervorragend gespielten Rock mit immer wieder schönen Gitarren-Unisono und Doppelsolos. Nennt es Hard-Rock oder 70ies-Rock, ist diese Musik nicht so progressiv wie andere Rockgruppen dieser Zeit, sondern bodenständig, klar, harmonisch und melodisch. Wie es sich damals gehörte, fehlt hier weder Schlagzeugsolo noch der Publikumspart. Phil spricht mit den Leuten und sie antworten ihm. Tanzen und Mitsingen. Einfluss irischer Folklore hat auch anderen Rock- und Popgrössen nie geschadet. Nutzlos wäre es einzelne Höhepunkte hervorzuheben oder bestimmten Songs wie "Rosalie" (Bob Seeger), "Jailbreak", "Emerald" oder "The Rocker" den Vorzug zu geben. Die können spielen. Da rumst der Fels. Dieses Album ist rundherum klasse .

Die Coverbilder vermitteln eine schönen und bunten Eindruck der wirklichen Livesituation bei Konzerten der 70er. Farbige Les Paul Gitarren über die Türme der Marshall Full Stacks
gespielt, lange Haare, große Bühne, glitzernde Jacken und eine noch von Hand gesteuerte Lightshow ohne Abstriche. Die Klangqualität ist die eines remastert Analog-Albums und bringt den Vinylklang von 1978 bestens rüber.

Es ist nicht leicht ein Album zu besprechen, welches trotz allgegenwärtigem Vergessen in kompetentem Kreis Kultstatus besitzt. Wenn man Thin Lizzy noch nicht kennt, einen guten Zusammenschnitt ihrer Arbeit möchte oder einfach auf Rockmusik steht, gibt es mit "Live & Dangerous" ein originelles, ja , originäres, authentisches und dabei voll massenkompatibles Dokument aufrechter Musik vollster Hingabe.

bernhard r.c.faaß www.empyreal.de

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