Das
Köln Konzert ist eine der populärsten Live - Solo- Klavier-Improvisationen
"alller Zeiten" (wie man es in Ahnlehnung an die typische
Programmbewerbung aktueller Privatsender formulieren möchte, daher
auch die drei L). Dabei ist es von so einzigartigem Zauber und unmittelbarer
Intensität, dass die Aufnahme bald nach dem eigentlichen Ereignis
am 24.Januar 1975 in Köln seinen Interpreten einer breiten Bevölkerung
über die Jazz-Szene hinaus bekannt machte und sich seitdem zu einer
Ikone entwickelte und seine wunderbare Wirkung zeitlos besteht.
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Wem
Bach zu kompliziert, zu anstrengend, zu akademisch, zu affektlos
trocken oder zu elitär erscheint, der hört eben die Brandenburgischen
Konzerte. Natürlich ist Bach all das nicht oder höchstens von
fehlgeleiteten Wächtern der Kunst falsch präsentiert. Das Köln
Konzert ist Keith Jarretts Brandenburgische Konzert.
Keith Jarrett ist ein musikalischer Gigant. Zahllose Alben seines
Trios mit Jazzstandards, eigene Orchesterkompositionen, Kompositionen
mit dem und für das Trio, Klavierkompositionen für andere Interpreten,
mehr Symphonisches und sogar selbsteingespielte Aufnahmen von Werken
des oben bemühten Bach sowohl auf Klavier als auch auf dem zu Bachs
Zeiten (da gab es noch kein Hammerklavier) benutzten Spinetts gehören
zu den Ergebnissen seiner Musikalität. Nicht zu vergessen die vielen
weiteren Live-Solo-Klavierimprovisationen wie die Konzerte in Bregenz,
Wien, Paris.
Keines
konnte das Mysterium des Köln Konzert wiederholen. Vielleicht
war es den Machern des kleinen und schon damals unabhängig von der
Wirtschaftsmacht großer Recordcompanies in Locham/Gräfelfing antretenden
und heute zu Universal gehörenden Jazz-Labels ECM erst
nicht klar und sie hielten es eben nur für die Veröffentlichung
eines weiteren Konzertes dieses Piano-Derwisches. Gerade recht für
die gerne in das eigene Plattengeschäft in Pasing pilgernde ECM-Jazzgemeinde.
Vielleicht hofften sie auch den wahrscheinlich unerwartet segensreichen
wirtschaftlichen Erfolg mit anderen Solokonzerten wiederholen zu
können.
Ich
selbst bin eigentlich der ja auch ganz unterschiedlichen Musiken
des Jazz nicht übertrieben zugeneigt (meine hoch differenzierten
Detailansichten dieser Haltung werden hier gespart), aber glücklicherweise
offen genug mich an aller Musik über mögliche Kategoriegrenzen
hinaus unvoreingenommen erfreuen zu können. Trotzdem bewog
mich die Erfahrung des Köln Konzert andere Aufnahmen zu erwerben
und ohne deren Leistung schmälern zu wollen, es waren auch
immer wieder sehr schöne Stücke darunter, blieb die spezifische
Magie des Köln Konzert ein solitäres Wunder.
Wäre
es nur meine subjektive Erfahrung und könnte man eine kurzfristige
von Mundpropanganda der Fangemeinde, geschürt durch clevere Promotion
und ähnlichen bewirkte Massenhysterie ausmachen, möchte man alles
als Folge des Zaubers eines "ersten Males" abtun. Als Projektion
einer befreiten und überemotionalisierten , entfesselten Jugend,
die sich einen Messias sucht. Jedoch ungebrochen ist die Wirkung.
Viele Jahre nachdem es mir auf einer Autofahrt durch schneebedeckte
Landschaften des winterlichen Bayern von meiner damaligen, sehr
schneidigen Freundin in Erwartung eines erotischen Wochenendes im
elterlichen Wohnwagen des zu dieser Saison verlassenen Campingplatz
am See vorgespielt wurde, rührten mich Stellen in ganz anderem Kontext
wie nur wenige Musikstücke es vermögen spontan zu Glückstränen.
Immer noch wird das Köln Konzert in aller Welt verkauft
ohne noch beworben zu werden und ohne dies zu benötigen. Wahrscheinlich
stehen die Verkaufszahlen Keith Jarrett´s aktuellerer Produktionen
dahinter zurück und das Köln Konzert sichert ihm sein künstlerisches
Dasein .
Beginnend
mit einem scheu in den Saal tropfenden Motiv entführen es sogleich
sanfte Harmonien in eine Welt die unsere Psyche märchenhaft entrückt.
Lässt man sich forttragen, begegnet man auf der Reise melodischen
Kleinoden, bombastischen Harmoniekaskaden untermalt vom Stöhnen
des agierenden Pianisten. Orgiastisch werden kräftige rhythmische
Strukturen wiederholt und münden doch leicht in luftige Phrasen
fröhlichen Genusses. Der schwimmt sogar in Milch. Durch teilweise
starken, aber nichtsdestotrotz gezielten und fähigen Pedaleinsatz
sich zusätzlich aufbauende Klangberge in momentaner Stagnation vor
der sich neu in der Improvisation ergebenden Idee, welche sich fort
spinnt und wie logisch entwickelt, folgt ihr eine andere feine Phrase
in wieder nicht gekannte Landschaften. So wird die Musik auch für
den Zuhörer zur körperlichen Erfahrung, welche dem Treiben erliegt.
Daher nimmt man dem Spieler seine im normalen Konzertbetrieb schlicht
unmöglichen Laute ob der zwischen den Polen seiner Schöpfung leidenden
Spannungen als unwillkürliche Äußerungen seines künstlerischen Erlebens
nicht nur in Kauf sondern bald als Zeichen der Authenzität an. Bald
ächzt man selbst innerlich und versteht nur zu gut den Drang die
Erlebnisse auf der Reise durch Jarretts Schwingungs-Universum auszudrücken.
Es
sind Klänge eines freien Verständnisses von Harmonie, Melodik und
Rhythmik. Nicht unbedingt typisch jazzig. Sehr unmittelbar und gefällig.
Statt strukturell kompliziert zu sein, bieten sie eher eine Vielzahl
intensiver Affekte zur direkten Empfindung. Die stellenweise in
der Improvisation natürlich entstehenden Spannungen und kathartischen
Lösungen, die rhythmischen Ostinati über kräftige Harmonien, Riffs
mit hypnotischer Wirkung ethnischer Ritualmusiken, offenkundig der
Jazzschule Entsprungenes und fast popige Melodien gleiten mühelos
ineinander, so dass der Hörer sich forttragen lassen darf, ohne
Sorge haben zu müssen, verloren zu gehen. Alles fügt sich zu einem
Abenteuermärchen der aufeinanderfolgenden Zauberorte und Wundergeschichten.
Lebendig dargeboten vom in ihnen aufgehenden und uns Teilwerden
lassenden Erzähler. Der vierte kürzeste Teil des Konzertes , bezeichnet
als Part II c, basiert offenbar auf einem nicht mehr ganz frei in
´s Ungewisse hineinimprovisierten Rahmen eines hübsch seligen Themas.
Geschickt
schließt Jarrett damit sein Konzert. Jeder professionelle
Musiker weiß, dass Improvisationen, besonders unter dem Druck
einer Live-Darbietung für zahlende Gäste zum absolut überwiegenden
Teil keine reinen Neuerfindungen insgesamt sind. Sein können.
Normalerweise nimmt der Künstler Basisideen und Bruchstücke,
musikalische Rahmen aus Harmoniegerüsten und nicht zuletzt
insgesamt eine Praxis aus seiner Übungsroutine und Vorbereitung
als Stütze und Einstieg mit in die Live Darbietungssituation.
Es gewährt ihm und dem Publikum die Garantie wenigstens nicht
elendem Mist eines wie auch immer misslungenen Schicksals eines
irgendwie missratenen Abends ausgesetzt zu sein. Könnte ja
passieren. Bei ganz freier Improvisation. Diese betreibt er im Vorfeld.
Wenn er für sich bei ausreichend Zeit und terminfrei unterbrechen
und reflektieren kann. Darauf baut er auf, entwickelt und lässt
entstehen, was ihm diesmal dazu einfällt und wozu es ihn und
sich selbst treibt. Im optimalen Fall entsteht daraus oder unabhängig
davon etwas wirklich unmittelbar ganz Neues.
Trotzdem ist ein so in sich passendes und kraftvoll bejahendes Improvisationskonzert (mit extrem wenigen wahrnehmbaren Fehlgriffen, nur bei wirklich sehr kritischem Hören. Sollte man sich zu Gunsten des Genusses sparen) so schlüssig und rund ein herausragender Glücksfall. Bei der besonders gezielten Vorbereitung auf ein Konzert, das aufgezeichnet wird (man möchte nicht wissen, wie viele Wunderwerke ohne Aufzeichnung der Welt entgangen sind.) hat er sich wohl überlegen dürfen es nicht ausgerechnet zum Ende hin zu gefährden. Der abschließenden Improvisation gelingt dies in seligster Weise.
Langanhaltender Beifall eindrucksvoll aufrechter Dankbarkeit des Publikums liefert dessen eindeutigen Ausdruck unbedingten Einverständnisses.
bernhard
r.c.faaß www.empyreal.de
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