Kraftvoll bejahende Improvisation


 
Interpret/Komponist: Keith Jarrett
Titel: The Köln Concert
Tracks: 4
Spieldauer: ca. 1 h 5 m
Label: Ecm Record (Universal)
Website: -


Das Köln Konzert ist eine der populärsten Live - Solo- Klavier-Improvisationen "alller Zeiten" (wie man es in Ahnlehnung an die typische Programmbewerbung aktueller Privatsender formulieren möchte, daher auch die drei L). Dabei ist es von so einzigartigem Zauber und unmittelbarer Intensität, dass die Aufnahme bald nach dem eigentlichen Ereignis am 24.Januar 1975 in Köln seinen Interpreten einer breiten Bevölkerung über die Jazz-Szene hinaus bekannt machte und sich seitdem zu einer Ikone entwickelte und seine wunderbare Wirkung zeitlos besteht.
 
    
 

Wem Bach zu kompliziert, zu anstrengend, zu akademisch, zu affektlos trocken oder zu elitär erscheint, der hört eben die Brandenburgischen Konzerte. Natürlich ist Bach all das nicht oder höchstens von fehlgeleiteten Wächtern der Kunst falsch präsentiert. Das Köln Konzert ist Keith Jarretts Brandenburgische Konzert. Keith Jarrett ist ein musikalischer Gigant. Zahllose Alben seines Trios mit Jazzstandards, eigene Orchesterkompositionen, Kompositionen mit dem und für das Trio, Klavierkompositionen für andere Interpreten, mehr Symphonisches und sogar selbsteingespielte Aufnahmen von Werken des oben bemühten Bach sowohl auf Klavier als auch auf dem zu Bachs Zeiten (da gab es noch kein Hammerklavier) benutzten Spinetts gehören zu den Ergebnissen seiner Musikalität. Nicht zu vergessen die vielen weiteren Live-Solo-Klavierimprovisationen wie die Konzerte in Bregenz, Wien, Paris.

Keines konnte das Mysterium des Köln Konzert wiederholen. Vielleicht war es den Machern des kleinen und schon damals unabhängig von der Wirtschaftsmacht großer Recordcompanies in Locham/Gräfelfing antretenden und heute zu Universal gehörenden Jazz-Labels ECM erst nicht klar und sie hielten es eben nur für die Veröffentlichung eines weiteren Konzertes dieses Piano-Derwisches. Gerade recht für die gerne in das eigene Plattengeschäft in Pasing pilgernde ECM-Jazzgemeinde. Vielleicht hofften sie auch den wahrscheinlich unerwartet segensreichen wirtschaftlichen Erfolg mit anderen Solokonzerten wiederholen zu können.

Ich selbst bin eigentlich der ja auch ganz unterschiedlichen Musiken des Jazz nicht übertrieben zugeneigt (meine hoch differenzierten Detailansichten dieser Haltung werden hier gespart), aber glücklicherweise offen genug mich an aller Musik über mögliche Kategoriegrenzen hinaus unvoreingenommen erfreuen zu können. Trotzdem bewog mich die Erfahrung des Köln Konzert andere Aufnahmen zu erwerben und ohne deren Leistung schmälern zu wollen, es waren auch immer wieder sehr schöne Stücke darunter, blieb die spezifische Magie des Köln Konzert ein solitäres Wunder.

Wäre es nur meine subjektive Erfahrung und könnte man eine kurzfristige von Mundpropanganda der Fangemeinde, geschürt durch clevere Promotion und ähnlichen bewirkte Massenhysterie ausmachen, möchte man alles als Folge des Zaubers eines "ersten Males" abtun. Als Projektion einer befreiten und überemotionalisierten , entfesselten Jugend, die sich einen Messias sucht. Jedoch ungebrochen ist die Wirkung. Viele Jahre nachdem es mir auf einer Autofahrt durch schneebedeckte Landschaften des winterlichen Bayern von meiner damaligen, sehr schneidigen Freundin in Erwartung eines erotischen Wochenendes im elterlichen Wohnwagen des zu dieser Saison verlassenen Campingplatz am See vorgespielt wurde, rührten mich Stellen in ganz anderem Kontext wie nur wenige Musikstücke es vermögen spontan zu Glückstränen. Immer noch wird das Köln Konzert in aller Welt verkauft ohne noch beworben zu werden und ohne dies zu benötigen. Wahrscheinlich stehen die Verkaufszahlen Keith Jarrett´s aktuellerer Produktionen dahinter zurück und das Köln Konzert sichert ihm sein künstlerisches Dasein .

Beginnend mit einem scheu in den Saal tropfenden Motiv entführen es sogleich sanfte Harmonien in eine Welt die unsere Psyche märchenhaft entrückt. Lässt man sich forttragen, begegnet man auf der Reise melodischen Kleinoden, bombastischen Harmoniekaskaden untermalt vom Stöhnen des agierenden Pianisten. Orgiastisch werden kräftige rhythmische Strukturen wiederholt und münden doch leicht in luftige Phrasen fröhlichen Genusses. Der schwimmt sogar in Milch. Durch teilweise starken, aber nichtsdestotrotz gezielten und fähigen Pedaleinsatz sich zusätzlich aufbauende Klangberge in momentaner Stagnation vor der sich neu in der Improvisation ergebenden Idee, welche sich fort spinnt und wie logisch entwickelt, folgt ihr eine andere feine Phrase in wieder nicht gekannte Landschaften. So wird die Musik auch für den Zuhörer zur körperlichen Erfahrung, welche dem Treiben erliegt. Daher nimmt man dem Spieler seine im normalen Konzertbetrieb schlicht unmöglichen Laute ob der zwischen den Polen seiner Schöpfung leidenden Spannungen als unwillkürliche Äußerungen seines künstlerischen Erlebens nicht nur in Kauf sondern bald als Zeichen der Authenzität an. Bald ächzt man selbst innerlich und versteht nur zu gut den Drang die Erlebnisse auf der Reise durch Jarretts Schwingungs-Universum auszudrücken.

Es sind Klänge eines freien Verständnisses von Harmonie, Melodik und Rhythmik. Nicht unbedingt typisch jazzig. Sehr unmittelbar und gefällig. Statt strukturell kompliziert zu sein, bieten sie eher eine Vielzahl intensiver Affekte zur direkten Empfindung. Die stellenweise in der Improvisation natürlich entstehenden Spannungen und kathartischen Lösungen, die rhythmischen Ostinati über kräftige Harmonien, Riffs mit hypnotischer Wirkung ethnischer Ritualmusiken, offenkundig der Jazzschule Entsprungenes und fast popige Melodien gleiten mühelos ineinander, so dass der Hörer sich forttragen lassen darf, ohne Sorge haben zu müssen, verloren zu gehen. Alles fügt sich zu einem Abenteuermärchen der aufeinanderfolgenden Zauberorte und Wundergeschichten. Lebendig dargeboten vom in ihnen aufgehenden und uns Teilwerden lassenden Erzähler. Der vierte kürzeste Teil des Konzertes , bezeichnet als Part II c, basiert offenbar auf einem nicht mehr ganz frei in ´s Ungewisse hineinimprovisierten Rahmen eines hübsch seligen Themas.

Geschickt schließt Jarrett damit sein Konzert. Jeder professionelle Musiker weiß, dass Improvisationen, besonders unter dem Druck einer Live-Darbietung für zahlende Gäste zum absolut überwiegenden Teil keine reinen Neuerfindungen insgesamt sind. Sein können. Normalerweise nimmt der Künstler Basisideen und Bruchstücke, musikalische Rahmen aus Harmoniegerüsten und nicht zuletzt insgesamt eine Praxis aus seiner Übungsroutine und Vorbereitung als Stütze und Einstieg mit in die Live Darbietungssituation. Es gewährt ihm und dem Publikum die Garantie wenigstens nicht elendem Mist eines wie auch immer misslungenen Schicksals eines irgendwie missratenen Abends ausgesetzt zu sein. Könnte ja passieren. Bei ganz freier Improvisation. Diese betreibt er im Vorfeld. Wenn er für sich bei ausreichend Zeit und terminfrei unterbrechen und reflektieren kann. Darauf baut er auf, entwickelt und lässt entstehen, was ihm diesmal dazu einfällt und wozu es ihn und sich selbst treibt. Im optimalen Fall entsteht daraus oder unabhängig davon etwas wirklich unmittelbar ganz Neues.

Trotzdem ist ein so in sich passendes und kraftvoll bejahendes Improvisationskonzert (mit extrem wenigen wahrnehmbaren Fehlgriffen, nur bei wirklich sehr kritischem Hören. Sollte man sich zu Gunsten des Genusses sparen) so schlüssig und rund ein herausragender Glücksfall. Bei der besonders gezielten Vorbereitung auf ein Konzert, das aufgezeichnet wird (man möchte nicht wissen, wie viele Wunderwerke ohne Aufzeichnung der Welt entgangen sind.) hat er sich wohl überlegen dürfen es nicht ausgerechnet zum Ende hin zu gefährden. Der abschließenden Improvisation gelingt dies in seligster Weise.

Langanhaltender Beifall eindrucksvoll aufrechter Dankbarkeit des Publikums liefert dessen eindeutigen Ausdruck unbedingten Einverständnisses.

bernhard r.c.faaß www.empyreal.de

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