Auf
den erstem Blick ist das ein ganz typisches aalglattes Medienprodukt
einer der großen kommerziellen Plattenfirmen. Mit allen charakteristischen
Merkmalen, die deren Gesetzen mit möglichst geringem Risiko wirtschaftlichen
Profit zu erzielen, entsprechen. Na und? Das wäre nichts Neues.
Der
Namenszug in rosa Bonbonschrift vor Bilderbuchwolken über einer
arrangierten Idylle in der Katy auf einer Liege drapiert ist. In
Hellblau darunter der Titel. Klischeehafte Plattitüden wohin das
Auge blickt. Die ganze modernistisch aufgebrezelte Fifties-Attitüde
ihres Outfits und des gestellten Coverbildes sind 100% Retorte.
Es steht da dieser Kunststoffflamingo im Hintergrund vor dem Zaun.
Wie als Symbol, welches wiederholt, was Katy repräsentiert.
Antiseptisch
ist sie. Abwaschbar. Kaum vorstellbar, dass so ein Wesen eine Monatsblutung
bekommt. Doch mit Plastikbinden, die das Blut zwar nicht aufzusaugen
vermögen, aber das ist auch unnötig, da es selbst aus Plastik nicht
fließt und daher nur nach Bedarf hinzugefügt, quasi angelegt und
bei Zeiten wieder entfernt wird, wie Ohrringe.
Amerikanische
Prüderie scheint dafür verantwortlich zu sein. Darauf spekuliert
man als plausible Erklärung und doch könnte es subtiler sein.
Singt
das Polystirolmädchen doch, davon unabsichtlich (Wieder nicht aufgepasst?)
ein anderes Mädchen geküsst zu haben. Zum Glück trägt sie sich trotz
der Verfehlung nicht mit suizidalen Gedanken und rennt auch nicht
zur Beichte. Der Song selbst scheint die Beichte des aufwühlenden
Erlebnisses. Überrascht darüber, es habe auch irgendwie gefallen
und schmecke außerdem nach Kirschlutscher, untergräbt dies die Theorie
von einer Spießerikone.
Aus
der insgesamt doch in solchen Dingen weit entspannteren Warte Europas
weiß man nicht so recht, ob der Tabubruch lesbischer Gefährdung
einen Schritt sexueller Befreiung in Richtung selbstbestimmter Weiblichkeit
aus den als zu eng erfahrenen Grenzen eingefahrener Bürgerlichkeit
vermitteln soll oder es doch nur ein auf verschiedene Zielgruppen
zugeschnittenes Lockmittel kommerzieller Strategie ist.
Nicht
erst seit Jahrtausendwende gelten erotische Signale in der Musikwelt
als gern gesehen und in der Musikindustrie als verkaufsfördernd.
Sex sells.
Zweifellos
gibt es zahllose Aspiranten männlichen Geschlechts, die ihre Phantasien
an jungen Frauen mit Tendenz zu gleichgeschlechtlichen Experimenten
aufmachen. Da reicht die Zielgruppe von 13 bis 80. Das Katy dabei
hygienisch einwandfrei sein muss/darf hilft vermutlich bei der internen
Rechtfertigung der unter Umständen aufkommenden Schuldgefühle. Ja
was man sich aufgrund des anerzogenen, eigenen Moralkorsetts nicht
zugesteht und deshalb als besonders aufregend empfindet (der sprichwörtliche
Reiz des Verbotenen) verschafft einem auch Unwohlsein durch irrationale
Ängste, welche gängigerweise durch den psychologischen Übersprungseffekt
äußerer Reinlichkeit kompensiert wird. So wäscht man seine Hände
in Unschuld.
Lassen
sich solche durchdachten und differenzierten Überlegungen in selbst
den professionellsten Marketingagenturen tatsächlich finden? Oder
bleibt das doch eine ziemlich unwahrscheinliche Spekulation? Immerhin
der bärtige Mann im Federbett von Perry am Ende des enthaltenen
Videos von "I kissed a girl" lässt Spekulationen zu. Was
sagt uns das kleine im Booklet als Adjutant Perrys auftauchende
Liebesvögelchen?
Naheliegender
ist die Zielgruppe bei sich in der sexuellen Entwicklungsphase befindlichen
Mädchen eben derartig bourgoiser Herkunft zu suchen, welche sich
gut mit Katy identifizieren könnten und eben genau diese Konflikte
aufgrund natürlicher Neugier erfahren dürften. Wie erwähnt mag uns
das in Europa herzlich kalt lassen, in den U.S.A. sollte das Problem
nicht unterschätzt werden. Auf Jungmädchenidentifikation deuten
auch die anderen Songs und Texte. Diese finden sich vollständig
im Booklet, was trotz des qualitativ begrenzten Niveaus auf Überzeugung
der Urheber schließen lässt, sie wären wert umfassend verstanden
zu werden. Sie handeln allesamt von den weltbewegenden Abenteuern
eines heranwachsenden Fräuleins, die keinen Zweifel daran lässt
eine gewisse Unschuld ("Not a big deal, it´s innocent"),
mit dem Selbstverständnis traditioneller Weiblichkeit und schon
erwähntem Sauberkeitswunsch ( "I wanna smell like roses")
mit erotischer Experimentierfreudigkeit, Neugier, Sehnsüchte und
immer wieder auch Anspielungen auf weitergehende Bedrohungen zu
paaren. Es sind die oberflächlichen Weltbilder eines Wesens, das
sich klar zu konventionellen Maßstäben bekennt und nur innerhalb
dieses Gefängnisses Pseudorebellion betreibt. Mag es auch als Verdienst
anerkannt sein in Zweifel fallenden Leidensgenossinnen die Sorge
vor ewiger Verdammnis zu nehmen, nur weil sie nicht an sich halten
konnten der appetitlichen Attraktion eines anderen Mädchens zu erliegen,
so mündet die Message letztlich doch immer in reinlicher Gefälligkeit
althergebrachten Rollenverständnisses.
Ein bisschen Jungmädchen Machtanspruch, ein bisschen frech, ein bisschen
Weltschmerz, ein bisschen Hysterie, ein bisschen ....dies, ein bisschen
das und alles ist ein bisschen blass. Rosa. Nichts Neues bietet die Produktion eben leider auch musikalisch. Die üblich drei Nummern, welche man hören kann. Der Rest bestätigt durch
absolute Belanglosigkeit, die Belanglosigkeit der ganzen Sache. Ja es
gibt Auftragsschreiber, die schreiben einfach Musik ohne Seele, damit
die Platte voll wird. Na toll
Melodien
und Harmoniestrukturen hundertfach dagewesen und bewährt. Arrangements
ohne Originalität. Die Gitarristen mussten sich gefühlt haben wie
ein Sternekoch beim zwölfhundersten Spiegelei. Quantisierte Plastiksounds
en masse. Einerseits müssen die sich doch mit ihren immer gleichen
drei Liedern langsam langweilen, andererseits versteht man, das
Industrie, Musikindustrie gerne profitabel wirtschaften möchte und
dabei lieber auf Risiko verzichtet. Mit Kunst hat das natürlich
nichts zu tun. Muss es nicht. Kultur wäre schön. Leider Fehlanzeige.
Bleibt: Geschäft.
Selbst
die Lieder dieser einen Scheibe ähneln sich untereinander. Klar
das Publikum darf nicht verwirrt werden und möchte auch das, was
gefällt wiederholt wissen, nur merken darf es das nicht und möchte
es auch nicht merken. Selbsttäuschung ist ein beliebtes Spiel unter
Menschen.
Die
planmäßig auf den Charterfolg aufgesetzte Zweitsingle "Hot´n´Cold"
liefert ungefährliches Material, das mit den primitivsten Mitteln
des Erfolges musikalisch so absehbar ist, das es dem feinsinnigen
Ohr beim Hören regelrecht weh tut. Es sagt immer nur: Es gefällt
dir, weil es dir gefallen muss. Deine von uns darauf trainierte
Hörgewohnheit lässt keine Flucht zu. Harmoniefolge: Aha-Effekt weil
zigfach dagewesen, berechnetes Tanztempo unterstützt durch den Drive
des unerbittlichen 16tel HiHat der elektronischen Datenverarbeitung.
So klar und einfach vordergründig wie der künstliche Geschmack von
Mikrowellenessen.
Auch
der von Katy mit Dave Stewart, Meister hochgeachteter Werke verfasste
Song erhebt sich leider nicht nennenswert über diesen Standard.
Wirklich dämlich ist ein angeblicher RockMix von "I Kissed a
Girl". Herhören: Rock wird alles, wenn man nur eine (dem Klang
nach zu urteilen nur gesampleten Gitarrenklängen rührende und damit
vollkommen antiseptisch klingenden) Spur verzerrter -- da schüttelt
sich das Spießerherz -- immer gleicher, uninspirierter E-Gitarrenakkorde
hinzufügt. Das ist alles. Wie billig?
Ja,
"I kissed a Girl" hat einen irgendwie charakteristischen
Sound, es hat einen, wenngleich wenig spektakulären Hook, es ist
ein, leider penetranter Ohrwurm und es hat diese eine, kleine Message.
Es ist ein Hit. Ja, Katy Perry ist ein hübsches Mädchen. Das "I
kissed a Girl" Video vervollständigt die enhanced CD, obwohl
das Video eher keine historische Spitzenposition einnehmen wird.
Wir kennen es: Viele Mädchen wackeln schulterfrei, in Spitzenstrümpfen
umgeben von keimfreier Kunstseide, Plüschhasen, Erdbeerkuchen und
Blümlein durch die allgegenwärtige Rosaheit unterdrückter Frivolität.
Sind die Produzenten doch aufrichtig zu uns? Wollten damit signalisieren:
Miss Rosa Plastikflamingo in einem geregelten Abenteuertraumpark
als Rettung vor der Kulisse des grauen Alltags. So kennen wir Amerika.
So sieht man es auf den Bildern des Booklets.
Alles
das ist aus Plastik. Nachgemacht. Perfekt. Industriell vervielfältigte
Massenware. Pflegeleicht und reproduzierbar. Katy, ein Flamingo.
Hübsch, sexy, rosa aber leider: aus Plastik. Zugegeben der Grossteil
meiner Kritik trifft auf einen überwiegenden Teil der chartorientierten
Veröffentlichungen der Musikindustrie zu und ist gar nicht spezifisch
für diese Scheibe oder Katy Perry, der im übrigen persönlich vergönnt
sei sich im Erfolg zu sonnen. Was erwartet man? Nichts von den beschriebenen
Eigenarten ist überraschend. Allein das ist schon Teil des Problems.
Vielmehr geht es darum die Dinge richtig einzuordnen, richtig zu
verstehen. Als Werkzeug einer zivilisatorischen Unterhaltungsmaschine,
als Produkt eines Marktes und Mittel unbelastenden Zeitvertreibs
erfüllt dies Album seinen Zweck hervorragend. Da haben sie gute
Arbeit geleistet. Die wissen was sie tun. Kein Grund ihnen zu vergeben.
Es
sind die Früchte des BackTrayCovers und der hellroten Erdbeere auf
dem CD-Label: perfekt aber Plastik. Super für irreale Projektionen.
Vorsicht beim Reinbeißen. Nicht essbar!
Höchst
unwahrscheinlich, dass es je ein weiteres Album von Miss Perry geben
wird. Sie bleibt wohl eines der von der Industrie geschaffenen,
sprichwörtlichen One-Hit-Wonders, die nicht deshalb zu Wundern werden,
weil die natürlich trotzdem vorher nicht wissen konnten, ob ihre
Rechnung aufgeht. Vielleicht schieben sie ein zweites hinterher,
welches dann von so vielen haltlosen Fans blind gekauft wird, bis
sich herumspricht, dass nun gar nichts mehr dahinter ist, aber es
bis dahin immer noch mehr Profit erwirtschaftet, als manches kunstfertige
Werk wirklicher Musiker.
Eine
Steigerung der kommerziellen Plastik-Ikone ist ja auch schon da:
Lady Gaga. Und das führt mich zu weiter reichenden Analysen musikindustrieller
Zukunftsstrategien.
Bis
dann!
bernhard
r.c.faaß www.empyreal.de
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