Plastik? Plastikmusik von Plastikflamingos auf Plastikscheiben?


 
Interpret/Komponist: Katy Perry
Titel: One of the Boys
Tracks: 12 plus "Bonus" Track "I kissed a girl (Rock Mix) plus Bonus Video "I kissed a girl"
Label: Capitol (EMI)
Website: -


Auf den erstem Blick ist das ein ganz typisches aalglattes Medienprodukt einer der großen kommerziellen Plattenfirmen. Mit allen charakteristischen Merkmalen, die deren Gesetzen mit möglichst geringem Risiko wirtschaftlichen Profit zu erzielen, entsprechen. Na und? Das wäre nichts Neues.
 
    
 

Der Namenszug in rosa Bonbonschrift vor Bilderbuchwolken über einer arrangierten Idylle in der Katy auf einer Liege drapiert ist. In Hellblau darunter der Titel. Klischeehafte Plattitüden wohin das Auge blickt. Die ganze modernistisch aufgebrezelte Fifties-Attitüde ihres Outfits und des gestellten Coverbildes sind 100% Retorte. Es steht da dieser Kunststoffflamingo im Hintergrund vor dem Zaun. Wie als Symbol, welches wiederholt, was Katy repräsentiert.

Antiseptisch ist sie. Abwaschbar. Kaum vorstellbar, dass so ein Wesen eine Monatsblutung bekommt. Doch mit Plastikbinden, die das Blut zwar nicht aufzusaugen vermögen, aber das ist auch unnötig, da es selbst aus Plastik nicht fließt und daher nur nach Bedarf hinzugefügt, quasi angelegt und bei Zeiten wieder entfernt wird, wie Ohrringe.

Amerikanische Prüderie scheint dafür verantwortlich zu sein. Darauf spekuliert man als plausible Erklärung und doch könnte es subtiler sein.

Singt das Polystirolmädchen doch, davon unabsichtlich (Wieder nicht aufgepasst?) ein anderes Mädchen geküsst zu haben. Zum Glück trägt sie sich trotz der Verfehlung nicht mit suizidalen Gedanken und rennt auch nicht zur Beichte. Der Song selbst scheint die Beichte des aufwühlenden Erlebnisses. Überrascht darüber, es habe auch irgendwie gefallen und schmecke außerdem nach Kirschlutscher, untergräbt dies die Theorie von einer Spießerikone.

Aus der insgesamt doch in solchen Dingen weit entspannteren Warte Europas weiß man nicht so recht, ob der Tabubruch lesbischer Gefährdung einen Schritt sexueller Befreiung in Richtung selbstbestimmter Weiblichkeit aus den als zu eng erfahrenen Grenzen eingefahrener Bürgerlichkeit vermitteln soll oder es doch nur ein auf verschiedene Zielgruppen zugeschnittenes Lockmittel kommerzieller Strategie ist.

Nicht erst seit Jahrtausendwende gelten erotische Signale in der Musikwelt als gern gesehen und in der Musikindustrie als verkaufsfördernd. Sex sells.

Zweifellos gibt es zahllose Aspiranten männlichen Geschlechts, die ihre Phantasien an jungen Frauen mit Tendenz zu gleichgeschlechtlichen Experimenten aufmachen. Da reicht die Zielgruppe von 13 bis 80. Das Katy dabei hygienisch einwandfrei sein muss/darf hilft vermutlich bei der internen Rechtfertigung der unter Umständen aufkommenden Schuldgefühle. Ja was man sich aufgrund des anerzogenen, eigenen Moralkorsetts nicht zugesteht und deshalb als besonders aufregend empfindet (der sprichwörtliche Reiz des Verbotenen) verschafft einem auch Unwohlsein durch irrationale Ängste, welche gängigerweise durch den psychologischen Übersprungseffekt äußerer Reinlichkeit kompensiert wird. So wäscht man seine Hände in Unschuld.

Lassen sich solche durchdachten und differenzierten Überlegungen in selbst den professionellsten Marketingagenturen tatsächlich finden? Oder bleibt das doch eine ziemlich unwahrscheinliche Spekulation? Immerhin der bärtige Mann im Federbett von Perry am Ende des enthaltenen Videos von "I kissed a girl" lässt Spekulationen zu. Was sagt uns das kleine im Booklet als Adjutant Perrys auftauchende Liebesvögelchen?

Naheliegender ist die Zielgruppe bei sich in der sexuellen Entwicklungsphase befindlichen Mädchen eben derartig bourgoiser Herkunft zu suchen, welche sich gut mit Katy identifizieren könnten und eben genau diese Konflikte aufgrund natürlicher Neugier erfahren dürften. Wie erwähnt mag uns das in Europa herzlich kalt lassen, in den U.S.A. sollte das Problem nicht unterschätzt werden. Auf Jungmädchenidentifikation deuten auch die anderen Songs und Texte. Diese finden sich vollständig im Booklet, was trotz des qualitativ begrenzten Niveaus auf Überzeugung der Urheber schließen lässt, sie wären wert umfassend verstanden zu werden. Sie handeln allesamt von den weltbewegenden Abenteuern eines heranwachsenden Fräuleins, die keinen Zweifel daran lässt eine gewisse Unschuld ("Not a big deal, it´s innocent"), mit dem Selbstverständnis traditioneller Weiblichkeit und schon erwähntem Sauberkeitswunsch ( "I wanna smell like roses") mit erotischer Experimentierfreudigkeit, Neugier, Sehnsüchte und immer wieder auch Anspielungen auf weitergehende Bedrohungen zu paaren. Es sind die oberflächlichen Weltbilder eines Wesens, das sich klar zu konventionellen Maßstäben bekennt und nur innerhalb dieses Gefängnisses Pseudorebellion betreibt. Mag es auch als Verdienst anerkannt sein in Zweifel fallenden Leidensgenossinnen die Sorge vor ewiger Verdammnis zu nehmen, nur weil sie nicht an sich halten konnten der appetitlichen Attraktion eines anderen Mädchens zu erliegen, so mündet die Message letztlich doch immer in reinlicher Gefälligkeit althergebrachten Rollenverständnisses.

Ein bisschen Jungmädchen Machtanspruch, ein bisschen frech, ein bisschen Weltschmerz, ein bisschen Hysterie, ein bisschen ....dies, ein bisschen das und alles ist ein bisschen blass. Rosa. Nichts Neues bietet die Produktion eben leider auch musikalisch. Die üblich drei Nummern, welche man hören kann. Der Rest bestätigt durch absolute Belanglosigkeit, die Belanglosigkeit der ganzen Sache. Ja es gibt Auftragsschreiber, die schreiben einfach Musik ohne Seele, damit die Platte voll wird. Na toll

Melodien und Harmoniestrukturen hundertfach dagewesen und bewährt. Arrangements ohne Originalität. Die Gitarristen mussten sich gefühlt haben wie ein Sternekoch beim zwölfhundersten Spiegelei. Quantisierte Plastiksounds en masse. Einerseits müssen die sich doch mit ihren immer gleichen drei Liedern langsam langweilen, andererseits versteht man, das Industrie, Musikindustrie gerne profitabel wirtschaften möchte und dabei lieber auf Risiko verzichtet. Mit Kunst hat das natürlich nichts zu tun. Muss es nicht. Kultur wäre schön. Leider Fehlanzeige. Bleibt: Geschäft.

Selbst die Lieder dieser einen Scheibe ähneln sich untereinander. Klar das Publikum darf nicht verwirrt werden und möchte auch das, was gefällt wiederholt wissen, nur merken darf es das nicht und möchte es auch nicht merken. Selbsttäuschung ist ein beliebtes Spiel unter Menschen.

Die planmäßig auf den Charterfolg aufgesetzte Zweitsingle "Hot´n´Cold" liefert ungefährliches Material, das mit den primitivsten Mitteln des Erfolges musikalisch so absehbar ist, das es dem feinsinnigen Ohr beim Hören regelrecht weh tut. Es sagt immer nur: Es gefällt dir, weil es dir gefallen muss. Deine von uns darauf trainierte Hörgewohnheit lässt keine Flucht zu. Harmoniefolge: Aha-Effekt weil zigfach dagewesen, berechnetes Tanztempo unterstützt durch den Drive des unerbittlichen 16tel HiHat der elektronischen Datenverarbeitung. So klar und einfach vordergründig wie der künstliche Geschmack von Mikrowellenessen.

Auch der von Katy mit Dave Stewart, Meister hochgeachteter Werke verfasste Song erhebt sich leider nicht nennenswert über diesen Standard. Wirklich dämlich ist ein angeblicher RockMix von "I Kissed a Girl". Herhören: Rock wird alles, wenn man nur eine (dem Klang nach zu urteilen nur gesampleten Gitarrenklängen rührende und damit vollkommen antiseptisch klingenden) Spur verzerrter -- da schüttelt sich das Spießerherz -- immer gleicher, uninspirierter E-Gitarrenakkorde hinzufügt. Das ist alles. Wie billig?

Ja, "I kissed a Girl" hat einen irgendwie charakteristischen Sound, es hat einen, wenngleich wenig spektakulären Hook, es ist ein, leider penetranter Ohrwurm und es hat diese eine, kleine Message. Es ist ein Hit. Ja, Katy Perry ist ein hübsches Mädchen. Das "I kissed a Girl" Video vervollständigt die enhanced CD, obwohl das Video eher keine historische Spitzenposition einnehmen wird. Wir kennen es: Viele Mädchen wackeln schulterfrei, in Spitzenstrümpfen umgeben von keimfreier Kunstseide, Plüschhasen, Erdbeerkuchen und Blümlein durch die allgegenwärtige Rosaheit unterdrückter Frivolität. Sind die Produzenten doch aufrichtig zu uns? Wollten damit signalisieren: Miss Rosa Plastikflamingo in einem geregelten Abenteuertraumpark als Rettung vor der Kulisse des grauen Alltags. So kennen wir Amerika. So sieht man es auf den Bildern des Booklets.

Alles das ist aus Plastik. Nachgemacht. Perfekt. Industriell vervielfältigte Massenware. Pflegeleicht und reproduzierbar. Katy, ein Flamingo. Hübsch, sexy, rosa aber leider: aus Plastik. Zugegeben der Grossteil meiner Kritik trifft auf einen überwiegenden Teil der chartorientierten Veröffentlichungen der Musikindustrie zu und ist gar nicht spezifisch für diese Scheibe oder Katy Perry, der im übrigen persönlich vergönnt sei sich im Erfolg zu sonnen. Was erwartet man? Nichts von den beschriebenen Eigenarten ist überraschend. Allein das ist schon Teil des Problems. Vielmehr geht es darum die Dinge richtig einzuordnen, richtig zu verstehen. Als Werkzeug einer zivilisatorischen Unterhaltungsmaschine, als Produkt eines Marktes und Mittel unbelastenden Zeitvertreibs erfüllt dies Album seinen Zweck hervorragend. Da haben sie gute Arbeit geleistet. Die wissen was sie tun. Kein Grund ihnen zu vergeben.

Es sind die Früchte des BackTrayCovers und der hellroten Erdbeere auf dem CD-Label: perfekt aber Plastik. Super für irreale Projektionen. Vorsicht beim Reinbeißen. Nicht essbar!

Höchst unwahrscheinlich, dass es je ein weiteres Album von Miss Perry geben wird. Sie bleibt wohl eines der von der Industrie geschaffenen, sprichwörtlichen One-Hit-Wonders, die nicht deshalb zu Wundern werden, weil die natürlich trotzdem vorher nicht wissen konnten, ob ihre Rechnung aufgeht. Vielleicht schieben sie ein zweites hinterher, welches dann von so vielen haltlosen Fans blind gekauft wird, bis sich herumspricht, dass nun gar nichts mehr dahinter ist, aber es bis dahin immer noch mehr Profit erwirtschaftet, als manches kunstfertige Werk wirklicher Musiker.

Eine Steigerung der kommerziellen Plastik-Ikone ist ja auch schon da: Lady Gaga. Und das führt mich zu weiter reichenden Analysen musikindustrieller Zukunftsstrategien.

Bis dann!

bernhard r.c.faaß www.empyreal.de

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