The End is near


 
Interpret/Komponist: Johnny Cash
Titel: American V - A Hundred Highways
Tracks: 12
Label: The Island Def Jam Music Group
Website: www.empyreal.de  


Country? Alter Mann? Amerikanische Autobahnen? Kann es schlimmer werden? Dieses letzte Album vor seinem Ableben, er wollte ihm noch selbst den letzten Schliff verpassen als sein Produzent Rick Rubin die Nachricht von seinem Tod erhält, ist vielleicht nicht besser als "American IV: The Man Comes Around", das Album davor und logischerweise vorletzte. Vieleicht hat es etwas damit zu tun, wenn der Tod so nahe bevorsteht. Vielleicht nicht und es ist nur die Reife eines Künstlers, der längst Gelegenheit hatte alles zu schaffen, was erstrebenswert gewesen sein könnte. Und dies bekanntlich nicht ohne gehörigen Erfolg. Vielleicht ist es die Situation, Nichts, aber auch gar nichts mehr beweisen zu müssen und hat deshalb trotzdem mit dem so absehbar bevorstehenden Tod zu tun oder nur mit der Reife des Alters.
 
    
 

Es sind auch keine "neuen" Lieder. Es sind amerikanische Songs. Aus dem sprichwörtlichen Great American Songbook. (Zwei von ihm selbst.) Von einem gesungen und gespielt, der das seit Jahrzehnten tut und außerdem scheißalt ist. Er tut dies mit den einfachsten Mitteln und unspektakulär produziert. Da ist nichts, das jemand aufregend finden könnte, womit man Aufmerksamkeit zu erwecken sich bemühen wollte. Ja, ich kannte Johnny Cash vorher. Nein ich bin kein Country Fan, obwohl ich hier und da einiges sehr gut finde und gerne höre. Neues und Altes. Jeder weiß von seinen ganz großen Nummern: "Ring of Fire" oder"Folsom Prison Blues". Man hat den Hollywood-Film "Walk the Line" gesehen, in dem eine June Carter einen Mann mit den gleichen Initialen ehelicht, der sie seit jeher anhimmelt: Ein wahrhaftiges Märchen .

Aber dann: Ein alter Mann singt alte Lieder. Na und schon? Noch dazu auf für unsere Zeit fast verwerflich medien- und marktuntaugliche Weise, nämlich einfach so mit Gitarre und eben singt der dazu. Ja mei ? Wen soll das denn locken? Alt ist er, müde. Am Ende jammert der wie wer weiß nicht was. Es geht schon los, dass in der chromblitzenden Welt der vielleicht nicht grundlos sogenannten Neuzeit wahrscheinlich niemand wüsste, wo man die CD hinstellen kann. Ich wollte nur herausfinden, was dieser legendäre Mann ans Ende setzt. Sein Ende. Das Ende dessen, was "Johnny Cash" war, ist. Die Marke "Johnny Cash", das Produkt "Johnny Cash". Die Legende.“

Zu oft schmieren große Stars nach einer gewissen Zeit und vor allem gerne zum Schluss ab. Besonders, wenn irgendein Kommerzheini auf die Idee kommt, noch mal richtig Gage mit dem ehemals großen Namen abzugreifen und sich das Opfer zu einer aufwendigen Produktion mit womöglich bergeweise unterstützenden "Freunden" des Stars, selber Stars, aufheizen lässt. Alter schützt vor Torheit nicht. Ich wollte nicht durchhören. Ich wollte nur anspielen. Ich hatte eigentlich nicht viel Zeit. Ja, er beginnt von Schwäche zu singen. Bittet um Hilfe. Lieder über den Tod kommen vor. "But I´m not the whining kind." Man kann nicht abschalten. Will nicht aufhören. Zu seiner Gitarre kommt einmal nur ein tiefes Cello. Bald Stampfen und Klatschen. Dann ein wenig Piano, zusätzliche Gitarren. Eine Orgel. Alles sehr spartanisch. Eine unsägliche Ruhe geht aus von den in allemal extrem zurückhaltenden Tempi wunderbar empfindsam gespielten Instrumenten und seiner einzelnen Stimme. Irgendwie manchmal porös, rau, wie wir sie kennen, doch sanft und sicher, mild auf den Tönen segelnd. Johnny Cash Stimme. Alt und jung zugleich.

Schlichter Charme der Harmonien und volkstümlicher Melodik, Texte herzlicher Menschlichkeit getragen auf ihrem eigenen Fluss dessen Geschehen an Wellen, Strudeln und Windungen sich souveräne Musiker hingebungsvoll entlang treiben lassen können. Leichte Akzente, hübsche Verzierungen entstehen wie im Vorbeigehen eingeflochtene Glückwünsche und schmücken wie Sonnenstrahlen Morgentau auf Rosenblättern in den Spektralfarben gleich himmlischen Edelsteinen blitzen lässt. Die eigene, bewährte Kraft der Songs gepaart und verstärkt mit der Stimme purer Authenzität und einfach gekonntem Spiel. Cash singt über die Liebe. Nicht wie ein Teenager. Über eine Frau, die dunkle Wolken weglachen konnte...

Diese Musik ist von einer absoluten Intensität. Direkt. Die Stimme spricht zu dir. Die Töne der schlichten Arrangements kommen in dein Leben, wie die Luft deines Atems und die Sonnenstrahlen des Morgens. Da sind sie, unaufdringlich, fast alltäglich, wie wenn sie immer schon da gewesen wären. Sie stören nicht. Sie schaffen sofort eine Stimmung, der man sich hingibt, weil sie gleich dazugehört, wie ein alter Freund. Vertraut ist. Unmittelbar und intensiv. Vollständig. Vielleicht kommt das vom Bewusstsein des nahen Todes. Es ist dies eine besondere, bedingungslose Form der Freiheit. Alles Vorherige ist Wert im Vergessen zurückgelassen zu sein, ob der strahlenden Zukunft. Nichts hält einen mehr, wenn in Aussicht steht, durch das grosse Tor zur Freiheit zu schreiten.

"I got rid of the shackles that bound me and the guards that were always around me There were tears on the mail mother sent me in jail But I'm free from the chain gang now."

So kann man gehen. Schlicht, schön. Frei und ganz. J.C. sei gegrüsst. Danke, dass du bei uns warst und für die Musik, die du uns geschenkt hast. Das Vergnügen ist auf unserer Seite .

bernhard r.c.faaß www.empyreal.de

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