Hurra, die Erde hat sie wieder: die alles
zerstückelnde Kettensäge. Die nicht enden wollende Welle von Neuauflagen,
Fortsetzungen und Remakes erreicht einen neuen schwindelnden Höhepunkt, mit
der Wiederbelebung von Tobe Hoopers Slasher-Klassiker "Blutgericht in
Texas" ("The Texas Chainsaw Massacre", USA 1974). "Platin
Dunes", die neue Produktionsfirma des Erfolgsregisseurs Michael Bay
("Pearl Harbor", "Armageddon") verspricht einen
"erbarmungslosen Film, der das Blut in den Adern gefrieren lässt",
tönt der deutsche Verleiher Constantin. Ob man dieses Versprechen als
eingehalten erachtet oder in dem Film eine Mogelpackung sieht, das hängt
wirklich vom Betrachter ab.
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Womit ich sagen will, AN SICH hat
der Film wirklich ALLES.
Er beginnt im Stil einer Reportage, mit mutmaßlich echtem Filmmaterial
der Ermittlungen in einem "nie aufgeklärten Fall". Dann
reisen wir zurück ins Jahr 1973. Fünf Teenager werden unvermittelt
durch die Mitnahme einer Anhalterin in einen Alptraum hineingezogen,
anfänglich hilfsbereite, wenn auch schrullige Hinterwäldler entpuppen
sich als durchgeknallte Psychopathen, Schreie ertönen aus dem nichts,
der Frankenstein-proportionierte Killer "Leatherface"
tobt sich durch das Bild, und nicht allein die Kettensäge fordert
blutige Opfer. Leichenteile hängen und liegen ekelerregend überall
herum. Und abgerundet wird das Ganze mit dem durchaus sehenswerten
Gastauftritt von R. Lee Ermey, dem Drillseargeant aus "Full
Metal Jacket", hier als zwielichtigem Sheriff.
Jennifer Biel, in der Serie "Eine himmlische Familie"
auf Jahre dazu verpflichtet, das Engelchen zu spielen, darf sich
hier wunschgemäß von einer ganz anderen Seite zeigen. Schreiend
und schwitzend rennt und kämpft sie sich in dem knallengsten nassen
Top seit Lara Croft durch die blutige Handlung. Aber ich fühle mich
beim Ansehen des Films vom Pressematerial irgendwie an der Nase
herumgeführt. Denn nur ganz selten gelingt es dem Film, ohne Blutvergießen
Spannung aufzubauen. Fast jeder Schockeffekt ist vorhersehbar und
abgedroschen. Die einzigen nicht vorhersehbaren Wendungen sind dem
Bereich "Verstümmelung" zuzuordnen, bei denen der Computer
bezüglich der Abtrennung von Gliedmaßen viele neue Schauereffekte
glaubwürdig macht.
Der Film hat bei seiner Fülle an Ideen und Bildern nur ein wirkliches
Problem: Er kann sich nicht entscheiden, was er sein will. Mal komplett
überhöht, mal realistisch, mal einfach nur splatternd wird hier
mit Gewalt umgegangen. Am besten sind jene abstrusen Momenten, in
denen der Zuschauer wirklich mit den Protagonisten mitleidet, da
um sie herum der reine Wahnsinn ausgebrochen zu sein scheint. Doch
es gelingt der Regie nicht, die vielen Ideen durchgängig in einen
Rahmen einzupassen. Der Film wirkt facettenartig, von genial bis
abgedroschen. Dass der deutsche Regisseur Marcus Nispel aus der
Musikbranche stammt und bislang nur Videoclips gedreht hat, könnte
erklären, warum sein Spielfilmdebüt letzten Endes so unausgegoren
wirkt.
Rohes Potential ist genügend vorhanden, allemal. Doch wie so oft
liegt die Kunst in der Selektion, der richtigen Auswahl. Und bei
der wünsche ich für die Zukunft vor allem Eines: Inspiration. Eine
letzte Randbemerkung für die ganz Peniblen: "Wo bitte ist das
versprochene Kettensägen-Massaker? Die einzige Kettensäge des Films
überlebt das Gemetzel enttäuschenderweise völlig unbeschadet..."
Samar Ertsey
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