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Spätgeburt


 
Titel: 80 Jahre Micky Maus
Text: diverse
Zeichnungen/Inking/Farben: Floyd Gottfredson, Paul Murry, Romano Scarpa, Giorgio Cavazzano, César Ferioli, Noel Van Horn und Paco Rodrigues
Umfang: 112 Seiten
Format: Hardcover / vf.
Preis: EUR 16,-
Verlag: Ehapa
Website: www.ehapa-comic-collection.de    


Micky wirkt immer ein wenig wie der Musterknabe im Hause Disney. Doch bei genauer Betrachtung fällt auf, dass die Maus in ihrem Leben einige ganz schöne Schicksalsschläge wegstecken musste und zudem auch noch ein falsches Geburtsdatum angegeben hat und sich jünger gemacht hat. Am 18. November 1928 lief im New Yorker "Colony Theatre" der Film "Gang War" über den heute kein Mensch mehr spricht. Bemerkenswerter war jedoch ein kurzer Vorfilm, der nur lief, weil sein Produzent den Filmvorführer kannte. "Steamboat Willie" wurde als "erster Trickfilm mit Ton" angekündigt (was nicht ganz richtig war, denn Max und Dave Fleischer hatten bereits 1926 den Zeichentrickfilm "My Old Kentucky Home" mit ziemlich mangelhafter Tonspur produziert) und die Hauptrolle spielte Micky Maus. Aus diesem Datum Mickys Geburtstag zu machen ist etwas zweifelhaft.
 
    
 

Der erste Cartoon mit Micky Maus war nicht "Steamboat Willie" sondern "Plane Crazy". Auf komische Weise setzt sich dieser Film mit Charles Lindbergs damaliger Atlantiküberquerung auseinander. Zuvor hatte Walt Disney alle Rechte an seiner Trickfigur "Oswald the Lucky Rabbit" verloren und musste sich schnellsten einen neuen Star suchen. "Plane Crazy" wurde unter großer Geheimhaltung komplett von Ub Iwerks gezeichnet und Anfang 1928 auch schon mindestens einmal öffentlich in einem Kino vorgeführt. Die Reaktionen waren zwar nicht überwältigend, doch Walt Disney ließ Ub Iwerks unter dem Titel "Gallopin´Gaucho" einen weiteren Micky Maus-Film anfertigen.

Mittendrin kam dann der Tonfilm dazwischen und "Steamboat Willie" wurde vorgezogen. Bei der Story wurde von Anfang an Rücksicht auf die Möglichkeiten des Tonfilmes genommen. Unter abenteuerlichen Bedingungen nahm Disney den Soundtrack zu "Steamboat Willie" auf und erst bei einem zweiten Aufnahmetermin gelang es ihm das Orchester davon zu überzeugen nicht zu "schön und symphonisch" zu spielen. "Steamboat Willie" wurde schließlich zu einem riesigen Erfolg und auch "Plane Crazy" und "Gallopin´Gaucho" bekamen daraufhin eine Tonspur verpasst.

Micky Maus war auch sehr schnell in anderen Medien erfolgreich. Bereits am 13. Januar 1930 erschien der erste (zunächst nach von Walt Disney getextete) Micky Maus Comic-Strip in zahlreichen Zeitungen. Der Zeichner Win Smith quittierte schon nach vier Monaten den Dienst und Floyd Gottfredson (der "Mäuse-Barks") sollte den Job bis zum 15.10.1975 ausüben. Er schuf ebenso spannende wie komische Fortsetzungsgeschichten. Als Gottfredson 1955 auf Druck der Zeitungen wieder zu abgeschlossenen Strips übergehen musste, schlug die Geburtsstunde der italienischen Disney-Comics und Zeichner wie Romano Scarpa setzten in Magazin "Topolino" (Mickys italienischer Name) die Tradition der epischen Micky-Comics fort. Ein gewaltiger Erfolg wurden auch die Micky Maus Uhren des Herstellers Ingersoll werden, die zu gesuchten Sammlerstücken wurden und den Weg für zahlreiche weitere Produkte mit der Maus ebnete.

 
    
 

Im Kino hingegen wurde Micky in Sachen Popularität langsam aber sicher von ihren Trickfilmkollegen Donald und Goofy in den Schatten gestellt, die es schließlich gar nicht mehr nötig hatten gemeinsam mit der Maus aufzutreten und eigene Trickfilmreihen bekamen. Auch die Ehre im ersten farbigen Disney-Zeichentrickfilm aufzutreten blieb Micky versagt. Disney ließ 1931 lieber einige langweilige Gewächse durch die Technicolor-Revue "Flowers and Trees" tanzen. Micky Maus hingegen musste sich hingegen noch bis 1935 damit begnügen in schlichtem Schwarzweiß aufzutreten.

Ein wenig Prestige für die Maus gab es noch als sie 1940 in der besten Episode aus dem ambitionierten Zeichentrickfilm "Fantasia" (Originalton Walt Disney: "Damit wird Beethoven berühmt werden!") als Goethes Zauberlehrling an Hundertschaften von selbsthergehexten Besen verzweifelte. Die Zauberlehrlingsepisode wurde auch in die Fortsetzung "Fantasia 2000" übernommen. Aus einem abendfüllenden Film mit der Maus wurde jedoch nichts. Die vielversprechende Geschichte um die Bohnenranke, den Riesen und die Zauberharfe wurde 1947 nur halblang produziert und musste im Episodenfilm "Fröhlich, Frei, Spaß dabei" gemeinsam mit dem etwas peinlichen Zirkusbären Bongo auftreten. Da verwundert es nicht weiter, dass Disney danach der Maus seine Stimme verweigerte und Micky fortan nicht mehr von Onkel Walt himself gesprochen wurde. 1953 entstand schließlich mit "The Simple Things" der letzte klassische Cartoon mit Micky Maus, während der alte Rivale Donald in diesem Genre noch deutlich länger durchhielt und bis 1956 in Kino-Trickfilmen auftrat
.

Doch als oberstes Firmenmaskottchen war Micky weiter begehrt und so gab es ab 1955 im US-TV den "Micky Mouse Club" und auch Ehapa gab seinem ab dem 29. August 1951 erscheinendem Comicheft ganz selbstverständlich den Namen der Maus und feiert den Geburtstag dort jetzt auch in vier Ausgaben. Doch so richtig gerne gelesen wurden in der "Micky Maus" eigentlich eher Carl Barks Entencomics, während Micky sich (und seine Leser) meist eher durch staubtrockene Detektivgeschichten unter dem Motto "Müssen Dieb fangen!" quälte.

 
    
 

Der 80. Geburtstag von Micky Maus ist dem Ehapa Verlag (der garantiert auch "100 Jahre Klarabella" feiern wird) jedenfalls einen Jubiläumsband wert. Dieser sehr gelungen zusammengestellte 112-seitige Wälzer enthält einige absolute Sampler enthält neben klassischen Geschichten von Floyd Gottfredson (“Im Netz der Luftpiraten“) und Paul Murry (“Das Juwel von Mono Ton“) auch aktuelle Stories in deutscher Erstveröffentlichung. In den liebevoll durchgestylten Comics von César Ferioli, Noel Van Horn und Paco Rodrigues läuft Micky wie bei seinen ersten Filmauftritten wieder in kurzen roten Hosen und nacktem Oberkörper herum. Diese Geschichten sind sowohl traditionell – wir erfahren z. B. wie Micky zu,seinem Hund Pluto kam – wie auch modern, denn der Mäuserich ist aber durchaus in der Lage mit einem Computer umzugehen. Diese Zusammenstellung beweist schlüssig, dass mit Micky durchaus interessante Geschichten erzählt werden können.

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