Nach einer
abenteuerlichen Luftreise landet der mexikanische Gaucho Julio mit seinem
lebendigen Gummipferd Jimmy an einem Strand. Dort trifft er einige in der Gischt
herumplanschende Zentauren, also Pferde mit menschlichen Oberkörpern. Um sich
den Landessitten anzupassen "macht er sich ans Werk. Zunächst lässt er
aus Jimmys Kopf ein wenig Luft ab. Dann stopft er Jimmys Kopf und Hals in Jimmy
hinein. Er krempelt Jimmys Vorderteil einfach um. Dann kriecht Julio in Jimmys
umgekehrten Hals und siehe da, Julio sieht fast genauso aus wie die
gefürchteten Zentauren. Es macht ihm einen Heidenspaß."
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Doch der Spaß ist schnell vorbei,
denn plötzlich sitzt ein Mädchen ("kräftig und von großer Schönheit")
auf Jimmys Rücken, packt Julios von hinten an den Kragen und lässt
sich nicht mehr abschütteln. Auch die anderen Zentauren haben plötzlich
schöne Mädchen auf dem Rücken sitzen. "Die Mädchen begrüßen
sich jubelnd, aber die Zentauren stehen blöde herum wie Gäule."
Doch Julio wäre nicht Julio, wenn er nicht auch aus dieser Notlage
entkommen würde. Schließlich hat er noch einiges vor, so muss er
noch den Hausdrachen Gregor treffen sowie die "Wassernixe mit
den großen, feuchten Karpfenaugen" und dann auch noch zu Weihnachten
ins heimische Mexiko zurückkehren um mit der schönen Carmen zu tanzen.
Mit "Jimmy, das Gummipferd" schuf Roland Kohlsaat nicht
nur das "wohl skurrilste Heldengespann der deutschen Comic-Geschichte"
(Andreas C. Knigge) sondern mit fast 25 Jahren Laufzeit auch die
"längste deutsche Bildergeschichte". Kohlsaat wurde am
14. Mai 1913 in Hamburg geboren. Nachdem er an der Hamburger Kunstgewerbeschule
Lithographie, Malerei und Bildhauerei studiert hatte, musste er
zum Militär und arbeitete nach Kriegsende als Pferdepfleger auf
einem Gut. Dort verdiente er sich ein Zubrot als Pferdemaler und
erwarb Befähigungen, die ihm später noch sehr nützlich sein konnten.
Seinen ersten Comic zeichnete Kohlsaat für die Radio-Programmzeitung
"Funkwacht". Dabei handelte es sich um eine Adaption von
Erich Kästners "Emil und die Detektive". Nachdem aus der
"Funkwacht" die "TV - Hören und Sehen" wurde,
zeichnete er hierfür die Serien "Plisch und Wisch" und
"Tele Wischen". Letztgenannte Serie kam so gut an, dass
ein Proteststurm der Leser ausbrach als die Redaktion sie aus der
Zeitschrift verbannte. Als Kohlsaat dann gebeten wurde mit ""Tele
Wischen" weiter zu machen, konnte er dankend ablehnen, da er
reichlich andere Aufträge hatte. Hierzu gehörten auch die ebenfalls
sehr beliebte und detailreiche Witzseite im "Neuen Blatt".
Doch Kohlsaats größter Erfolg entstand als 1953 beim "Stern"
beschlossen wurde, der Zeitschrift die 8-seitigen Beilage "Sternchen"
("Kinder haben Sternchen gern, Sternchen ist das Kind vom Stern")
beizulegen. Fest eingeplant war bereits Loriot mit seiner Gagserie
"Reinhold das Nashorn". Doch es wurde auch noch eine etwas
abenteuerlichere Comic-Serie benötigt. Kohlsaat erhielt aus heiterem
Himmel einen Anruf um Mitternacht und sollte am nächsten Tag ein
Konzept abliefern. Er besann sich auf seine zeichnerische Liebe
zu Pferden und schon eine halbe Stunde später stand das Konzept.
"Jimmy das Gummipferd" bezeichnete Kohlsaat als "Pop-Odyssee"
und die Serie wurde nicht nur beim jungen Zielpublikum zu einem
großen Erfolg.
Kohlsaat benötigte für die Herstellung einer Folge drei Arbeitstage,
die um 9 Uhr begannen und um 18 Uhr endeten. Er zeichnete die Seite
zunächst mit Bleistift vor, inkte dann mit einer Feder und colorierte
mit dem Pinsel. Hierzu benutzte er nur schwarze oder rote Tusche,
wobei unterschiedliche Farbabstufungen durch entsprechende Verdünnungen
erreicht wurden. Die ersten Jahre erlebten Julio und Jimmy ihre
Abenteuer auf vier untereinander platzierten Bildstreifen. Doch
leider wurde ihnen im Laufe der Jahre immer weniger Spielraum eingeräumt.
Als der "Stern" 1961 eine Auflage von 1,5 Millionen Exemplaren
erreichte, schrieb Herausgeber Henri Nannen, dass die "vielen
sehr geschickten Frauen" das Sternchenheft nicht mehr in den
großen "Stern" einlegen konnten. Daher wurde aus der achtseitigen
Beilage eine Doppelseite im Heft. "Jimmy das Gummipferd"
wurde jetzt in den "Stern" integriert und von da an ging's
bergab.
Die zuvor immer mit der Schmuckfarbe rot versehene Serie wurde jetzt
oft nur noch in schwarzweiß und in einem zunehmend kleineren Format
veröffentlicht. Für eine sehr kurze Übergangszeit wurde der Raum
für die Serie auf drei Panelreihen eingeschränkt und wenig später
standen Kohlsaat nur noch zwei Reihen zur Verfügung. Trotzdem zeichnete
Roland Kohlsaat bis kurz vor seinem Tode am 1. Februar 1978 wöchentlich
eine weitere Folge der phantasievoll-abgedrehten Serie, die auf
ihre Art absolut einzigartig ist. Seinen Platz nahm danach im "Stern"
dann Dik Brownes "Hägar
der Schreckliche" ein. Doch ganz Schluß war mit Jimmy doch
noch nicht. Im Comic-Magazin "Yps" (Ausgaben 422-428,
433-439, 443-449, 456-462) erschienen ab 1983 als Fortsetzungen
insgesamt vier neugezeichnete Abenteuer. Geschrieben wurden die
Geschichten von Fred Kipka und die etwas sterilen Zeichnungen entstanden
in den COMICON-Studios in Barcelona.
Von 1979 bis 1981 veröffentlichte die "edition becker und knigge"
(hier erschien auch die erste Comixene) bereits die klassischen
Jahrgänge 1956, 1957 und 1958 der Serie. Fast nahtlos (drei Folgen
fehlen) daran an, schließt jetzt ein Buch des Lappan Verlages, das
zugleich Katalog einer Ausstellung ist. Hierzu stellte Sigrit Kohlsaat
die Originalzeichnungen ihres Mannes zur Verfügung von denen auch
etwa 300 Stück in der Ausstellung zu sehen sind. Die Ausstellungseröffnung
auf der unter dem Motto "Oh, wie schön ist Mexiko" Freddy
Caruso und Giovanni Piano Schlager sangen, war jedenfalls ein voller
Erfolg.
Dies gilt auch für das Buch zur Ausstellung. Nach einem sehr informativen
Vorwort enthält es die optimal reproduzierten Folgen 4 / 1959 bis
52 / 1963 und dokumentiert dabei leider nicht nur die absolute Blütezeit
der Serie. Bei der Lektüre ist ebenfalls schmerzlich nachzuvollziehen
wie stark die auch heute noch kein bisschen antiquiert wirkenden
Tuschezeichnungen Kohlsaats unter der verkleinerten Wiedergabe im
"Stern" litten. Es ist zu hoffen, dass die restlichen
Jimmy-Abenteuer (und die längst vergriffenen alten Sammelbände)
bald neu aufgelegt werden.
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