Knallbunte
Actiongeschichten über den Zweiten Weltkrieg, in denen stereotypisch-monoton
die Guten ruhmreich die Bösen niederringen, d.h. die Alliierten
die Wehrmacht und die Nazis besiegen, gibt es schon in Unmengen. Der
hier vorliegende Comic-Band bildet mit seiner leisen und sensiblen
Geschichte einen erfreulichen Gegensatz.
“Kurz
vor Kriegsende 1945 wird die Stadt Hildesheim durch einen Luftangriff
völlig zerstört. Für den 16jährigen Hitlerjungen
Willi Arndt vollzieht sich in diesen Tagen auch ein persönliches
Drama. Nur wenige Minuten vor Ankunft der Bomber tötet er das
Mädchen, das er liebt. Diese Schuld wird er sein ganzes Leben
lang mit sich herumtragen.“ So die
Inhaltsangabe auf dem Umschlag.
Ist
damit schon alles verraten worden? Nein, denn nicht die Handlung
steht im Vordergrund, sondern die psychologische Seite. Nicht der
entindividualisierte Krieg an der Front steht im Mittelpunkt, sondern
der persönliche Kampf im Inneren eines 16jährigen Jungen
mit sich
selbst. Die äußeren Umstände, verursacht durch den
Krieg, unterstreichen die seelische Zerrissenheit, die bis ins Greisenalter
anhält.
In den letzten Jahren sind
einige Beiträge erschienen, die für den Einsatz “historischer Comics“
im Geschichtsunterricht plädieren. Allen voran Hans-Jürgen Pandel:
“Comics liefern nämlich weitaus mehr als historisch verbürgtes Wissen.
Sie vertiefen Themen um die Erfahrungsdimensionen der Sinnlichkeit
und Emotionalität und liefern damit einen Beitrag zur Ästhetik des
Geschichtsbewusstseins und zur Rhetorik historischen Erzählens.“
(Comicliteratur und Geschichte. In: Geschichte lernen Nr. 37. Geschichte
im Comic. Friedrich Verlag, Velber 1994, S. 18-26). Die Autoren
stimmen darin überein, dass durch “historische Comics“ die Bildung
des Geschichtsbewusstseins gefördert werden kann.
Hier kann man “Die Tote von St. Michaelis“
dazuzählen. Wenngleich die Handlung nur einen kleinen Ausschnitt
an Kriegsgeschichte anreißt, so steckt doch einiges an Historie
in den Bildern. Ivo Kircheis (Zeichner) hat für die visuelle
Darstellung intensiv recherchiert und es gelingt ihm auch Atmosphäre
einzufangen und weiterzugeben. Und den realen Hintergrund - die
Bombardierung von Hildesheim - hat Dr. Eckart Sackmann (Autor) auf
der Basis historischer Berichte in das Szenario und den Text einfließen
lassen.
Einziger Wehrmutstropfen ist der
Zeichenstil. Die Köpfe und Gesichter sehen zuweilen etwas deformiert
aus. Nach eigenem Bekunden versuchte Ivo Kircheis einen für
ihn neuen Zeichenstil (Comixene Nr. 80/81, S. 48-51). Der Versuch
ist ihm leider nicht ganz gelungen.
Der Comic entstand für den europäischen
Comic-Wettbewerb von ARTE und Glénat im letzten Jahr. Bei
rund 600 Einsendungen kam der Comic unter die zwanzig Besten. Die
Teilnahme erklärt u. a. die Begrenzung der Geschichte auf 30
Seiten. Am Schluss springt die Handlung von 1945 auf 1990 um und
bringt ein unerwartetes Ende. Die große zeitliche Lücke
lässt die Frage im Raum stehen, was Willi Arndt in diesen Jahren
gemacht hat, wie es ihm ergangen ist. Auch wenn die Geschichte damit
etwas kurz geraten ist, so ist doch im Ganzen eine schöne Sache
draus geworden.
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