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Erfreulicher Gegensatz


 
Titel: Die Tote von St. Michaelis
Text: Eckart Sackmann
Zeichnungen/Inking/Farben: Ivo Kircheis
Umfang: 48 Seiten
Format: Album /vf.
Preis: EUR 10,-
Verlag: comicplus+
Website: www.comicplus.de  


Knallbunte Actiongeschichten über den Zweiten Weltkrieg, in denen stereotypisch-monoton die Guten ruhmreich die Bösen niederringen, d.h. die Alliierten die Wehrmacht und die Nazis besiegen, gibt es schon in Unmengen. Der hier vorliegende Comic-Band bildet mit seiner leisen und sensiblen Geschichte einen erfreulichen Gegensatz.
 
    
 

“Kurz vor Kriegsende 1945 wird die Stadt Hildesheim durch einen Luftangriff völlig zerstört. Für den 16jährigen Hitlerjungen Willi Arndt vollzieht sich in diesen Tagen auch ein persönliches Drama. Nur wenige Minuten vor Ankunft der Bomber tötet er das Mädchen, das er liebt. Diese Schuld wird er sein ganzes Leben lang mit sich herumtragen.“ So die
Inhaltsangabe auf dem Umschlag.

Ist damit schon alles verraten worden? Nein, denn nicht die Handlung steht im Vordergrund, sondern die psychologische Seite. Nicht der entindividualisierte Krieg an der Front steht im Mittelpunkt, sondern der persönliche Kampf im Inneren eines 16jährigen Jungen mit sich
selbst. Die äußeren Umstände, verursacht durch den Krieg, unterstreichen die seelische Zerrissenheit, die bis ins Greisenalter anhält.

In den letzten Jahren sind einige Beiträge erschienen, die für den Einsatz “historischer Comics“ im Geschichtsunterricht plädieren. Allen voran Hans-Jürgen Pandel: “Comics liefern nämlich weitaus mehr als historisch verbürgtes Wissen. Sie vertiefen Themen um die Erfahrungsdimensionen der Sinnlichkeit und Emotionalität und liefern damit einen Beitrag zur Ästhetik des Geschichtsbewusstseins und zur Rhetorik historischen Erzählens.“ (Comicliteratur und Geschichte. In: Geschichte lernen Nr. 37. Geschichte im Comic. Friedrich Verlag, Velber 1994, S. 18-26). Die Autoren stimmen darin überein, dass durch “historische Comics“ die Bildung des Geschichtsbewusstseins gefördert werden kann.

Hier kann man “Die Tote von St. Michaelis“ dazuzählen. Wenngleich die Handlung nur einen kleinen Ausschnitt an Kriegsgeschichte anreißt, so steckt doch einiges an Historie in den Bildern. Ivo Kircheis (Zeichner) hat für die visuelle Darstellung intensiv recherchiert und es gelingt ihm auch Atmosphäre einzufangen und weiterzugeben. Und den realen Hintergrund - die Bombardierung von Hildesheim - hat Dr. Eckart Sackmann (Autor) auf der Basis historischer Berichte in das Szenario und den Text einfließen lassen.

Einziger Wehrmutstropfen ist der Zeichenstil. Die Köpfe und Gesichter sehen zuweilen etwas deformiert aus. Nach eigenem Bekunden versuchte Ivo Kircheis einen für ihn neuen Zeichenstil (Comixene Nr. 80/81, S. 48-51). Der Versuch ist ihm leider nicht ganz gelungen.

Der Comic entstand für den europäischen Comic-Wettbewerb von ARTE und Glénat im letzten Jahr. Bei rund 600 Einsendungen kam der Comic unter die zwanzig Besten. Die Teilnahme erklärt u. a. die Begrenzung der Geschichte auf 30 Seiten. Am Schluss springt die Handlung von 1945 auf 1990 um und bringt ein unerwartetes Ende. Die große zeitliche Lücke lässt die Frage im Raum stehen, was Willi Arndt in diesen Jahren gemacht hat, wie es ihm ergangen ist. Auch wenn die Geschichte damit etwas kurz geraten ist, so ist doch im Ganzen eine schöne Sache draus geworden.

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