Zunächst war etwas
Skepsis angebracht, als sich langsam aber sicher anbahnte, dass es in München
eine zweite Großveranstaltung zum Thema Comic gibt, die nun und künftig um die
selben Fleischtöpfe des Kulturreferates kämpfen würde. Das letztjährige
Münchener Comicfest mit seinen immer noch eher notdürftig
zusammengeschusterten Ausstellungen war zwar keine Offenbarung. Doch dank des
guten Wetters und der durchgehend die Praterinsel belebenden Comicbörse wurden
es doch vier sehr erfreuliche Tage, die deutlich lebendiger gerieten als dies
zuvor im sterilen Veranstaltungszentrum Gasteig der Fall war. Daher gehört
diese zarte Pflänzchen begossen, auf das es noch wilder wuchere.
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Mit
guten Wetter war nun beim vierwöchigen Comicologischen Congress
im März und April natürlich weniger zu rechnen und wer eine Comicbörse
wollte, der sollte doch einfach die Pasinger Fabrik verlassen und
sich quer durch die Stadt in den Kunstpark Ost begeben, wo Mitveranstalter
Stefan Riedl gleichzeitig seine Comic- Film- und Actionfigurenbörse
abhielt. Auch die Themen des Congresses versprachen nicht gerade
eine sonderlich sonnige Veranstaltung, denn die Ausstellungen und
Vorträge drehten sich unter dem Motto "Ab 18!" um Zensur
und zum Ausgleich ging es auch noch um "Holocaust im Comic".
Sicherlich wichtige Themen,
die aufbereitet gehören, aber schon Erich Kästner wurde angesichts
seiner etwas pessimistischeren Arbeiten oft gefragt, wo denn das
Positive bleibe. Er antwortete stets mit der Gegenfrage: "Ja,
wo bleibt es denn?" Ähnlich verhielt es sich mit den Ausstellungen
des Congress. Die leider durchaus aktuellen Themen hatten zwar meist
einen negativen und düsteren Touch, aber die Aufbereitung war positiv
und anregend. So gab es immer wieder Dinge zu entdecken, die auch
Comic-Insidern in dieser Form noch nicht geläufig waren. Dies galt
jedoch leider nur sehr eingeschränkt für die Hauptausstellung "Ab
18 - zensiert, diskutiert, unterschlagen", die von den Veranstaltern
eingekauft wurde und hauptsächlich aus unkommentierten Exponaten
bestand.
Eine sehr viel bessere Annäherung an ein schwieriges Thema bot die
Ausstellung "Holocaust im Comic - Die Abbildung unvorstellbarer
Zeitgeschichte". Hier zeigte Ralf Palandt nicht nur Comics,
die in Konzentrationslagern spielen, sondern er wies auch auf faschistoide
Tendenzen in amerikanischen Trivialcomics der dreißiger Jahre (wie
etwa "Flash Gordon", wo die Gegner des blonden Helden
oft an die Judenkarikaturen der Nazi-Propaganda erinnerten) hin.
Ebenfalls recht aussagekräftiger war die eher unauffällig präsentierte
Ausstellung "Carl Barks - Zensur in Entenhausen", die
aufzeigte, dass auch die Geschichten des Duckmans immer wieder bearbeitet
wurden. So verschwand etwa bei der deutschen Veröffentlichung ein
Exemplar von "Mein Kampf", das Tick, Trick und Track auf
dem Entenhausener Müllplatz vorfanden.
Einen sehr erfreulichen Eindruck hinterließ die Präsentation des
Comicgastlandes Schweiz, die hauptsächlich von den Machern des Magazins
"Strapazin" bestritten wurde. Leider musste die sehr phantasievoll
in der Form der Schweizer Flagge gestaltete Werkschau schon am zweiten
Wochenende des Comicologischen Congresses wieder abgebaut werden,
da die Räumlichkeiten für andere Zwecke benötigt wurden.
Auch die Vorträge kreisten um das Thema "Zensur" und da
war ein Besuch von Achim Schnurrer natürlich recht passend. Dieser
wollte eigentlich in erster Linie vom Schicksal seines Verlages
erzählen. Er musste dann aber auf Wunsch der (am dritten Congresswochenende
leider schon recht kleinen) Zuhörerschah, doch noch einige eher
willkürlich zusammengestellte Dias über die Geschichte der zensierten
Bildergeschichte erläutern. Zum Abschluss war dann noch zu erfahren,
dass der Alpha Verlag sich künftig endlich wieder seinen verlegerischen
Aufgaben zuwenden kann. Das unselige Gerichtsverfahren, dass sich
letztendlich nur noch um ein von Alpha zwar nicht produziertes aber
über deren Versand "Packwahn" vertriebenes Comic mit pornographischen
Inhalt drehte, wurde gegen eine von Schnurrer und seinen beiden
Partner zu entrichtende Geldbusse von 15.000,- DM eingestellt.
Zum Abschluss, bevor Jimmy Draht noch Hausmusik "irgendwo zwischen
Breakbeats und Electro" präsentierte (das hab´ ich nur zwei
Minuten durchgehalten, aber auch etliche deutlich jüngere Besucher
verließen zu meiner Beruhigung erstaunlich schnell den Saal), gab
es noch eine Podiumsdiskussion zum Thema "Quo vadis Münchener
Comic-Kultur", die auch live im Radio zu hören war. Hier wurden
die Vertreter des Münchener Comicfest und des Kulturreferats teilweise
recht heftig angegriffen. Nicht zu unrecht wurde die mangelhafte
Qualität der Ausstellungen des Comicfestes (vor allem im direkten
Vergleich zum Comicologischen Congress) angeprangert. Ebenfalls
recht umstritten war auch die Praxis des Comicfestes sich trotz
der deutlich aufgestockten Fördermittel von der Münchener Zeichnerszene
auch in diesem Jahr wieder für lau zusammenstellen zu lassen, auf
das der "Wurzelkeller" voll werde.
Allem in allem wäre es erfreulich, wenn es in zwei Jahren wieder
einen "Comicologischen Congress" geben würde. Noch schöner
wäre es natürlich, wenn anstatt eines recht gut besuchten Comicfestes
mit "Wischiwaschi"-Präsentationen in Konkurrenz zu einem
deutlich schwächer frequentierten "Comicologischen Congress"
mit sehr viel anspruchsvolleren Inhalten ein jährliches Event stattfände
(der Name "Comicstadt München" tauchte immer wieder auf),
in der die Vorteile beider Veranstaltungen vereint wären, also düstere
Themen bei schönem Wetter oder so ähnlich.
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