Ein
Geschenk des Vogels
Ein
uralter Papagei brachte ihm seine Sonnenblumenkerne
Und
die Sonne brach ein in das Gefängnis der Kindheit.
(Jacques
Preverts Gedicht, das dem Roman seinen Titel gab)
Südkorea
in den 60er Jahren: die zwölfjährige Waise Jinhi wächst
bei Großmutter, Onkel und blutjunger Tante auf, ihre Mutter
starb schon vor sechs Jahren durch Selbstmord, ihr Vater ist verschollen.
Ihre Großmutter ist besorgt: ob Jinhi wohl die Unzurechnungsfähigkeit
ihrer Mutter geerbt hat?
Jinhi
betrachtet ihre Umwelt und ihre Mitmenschen mit einem gnadenlosen
Zynismus, der für ihr Alter natürlich ungewöhnlich
ist, aber zweifellos der tragischen Realität sehr nahe kommt.
Insbesondere die kindlich-naive und unheilbar romantische 21jährige
Tante Yongok ist Ziel von Jinhis Spott. Um einem westlichen Schönheitsideal
näher zu kommen, unterzieht sich Yongok gar einer schmerzhaften
Augenoperation…
Weder
Jinhis Familie noch ihre Nachbarn und Schulkameraden entkommen ihrer
scharfen Beobachtung, und die gnadenlosen menschlichen Portraits
und anekdotenhaften Episoden aus Jinhis Leben (die Scheinheiligkeit
und Heuchelei der Erwachsenen und ihrer Kinder, die sie imitieren,
teils subtil, teils derb aufdecken) wachsen zu einem beeindruckenden
koreanischen Gesellschaftsbild aus den 60er Jahren zusammen.
Heekyung
Euns (geb. 1959) Erstlingsroman „Ein Geschenk des Vogels“
(in Südkorea erschienen 1995) wurde prompt mit einem wichtigen
Literaturpreis ausgezeichnet und Eun avancierte zu einer der erfolgreichsten
zeitgenössischen Autorinnen in ihrer Heimat.
Die
wunderschöne bibliophile Edition „Moderne koreanische
Autoren“ im Pendragon Verlag startete 1998 mit Wonil Kims
Roman “Wind und Wasser“ und umfasst mittlerweile schon
30 Bände mit den interessantesten Werken (Romane und Kurzgeschichtensammlungen)
zeitgenössischer koreanischer Autoren und liefert damit einen
enorm wichtigen Beitrag zum Verständnis einer uns so fremden
Kultur eines Landes, von dem wir immer noch zu wenig wissen. Zentralthema
der Frankfurter Buchmesse 2005 war folgerichtig auch koreanische
Literatur.
Heekyung
Euns „Ein Geschenk des Vogels“ ist ein faszinierendes
koreanisches Gesellschaftsportrait mit viel Witz und Intensität
und bietet auch und gerade für “Neuentdecker“ einen
perfekten und faszinierenden Einstieg in die Welt der koreanischen
Literatur. Wir hoffen, dass auch Heekyung Euns andere Werke baldmöglichst
in deutscher Übersetzung den Weg in unsere Buchhandlungen finden.
Stefan
Meduna
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