Die Story ist
bekannt. Unzählige Schülergenerationen haben "Der Fänger im Roggen"
mit Begeisterung gelesen und sich mit dem jugendlichen ICH-Erzähler Holden
Caulfield identifiziert. Egal ob Holden C. oder Donald D. - Verlierer liebt man.
Jeder von uns schwankte einmal mit zweifelhaften schulischen Leistungen der
Versetzungsgefährdung entgegen. Holden Caulfield fliegt gleich zum x-ten Mal
von einem Internat und hat endgültig die Schnauze voll. Er fährt ins
nahegelegene New York und schlägt sich dort einige Tage und Nächte um die
Ohren. Erwachsen werden ist schwer und "Der Fänger im Roggen" ist
dabei nicht der schlechteste Wegbegleiter.
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Bis
jetzt war "Fänger im Roggen" nur in einer, von vielen
als zweifelhaft bezeichneten Übersetzung erhältlich. Aber vieles
was Heinrich Böll an Unzulänglichkeiten in der deutschen Übersetzung
von 1962 für den Kiepenheuer & Witsch - Verlag angekreidet wird,
fällt gar nicht in seinen Verantwortungsbereich. Böll überarbeitete
eigentlich nur die Übersetzung von Irene Muehlon, die diese 1954
für den Züricher Diana Verlag erstellt hatte. Und bereits der Erstübersetzerin
lag nur ein verstümmelter, von Salingers britischem Verleger Hamish
Hamilton zensierter "Originaltext" vor. Konsequent eliminierte
Hamilton Fluch-Graffitos wie "Fuck you!" aus Salingers
Roman, nahm ihm damit mehr oder minder die Seele und Herr Böll ließ
Holden Caulfield dann eben werkgerecht "....... DICH!"
räuspern.
Unter der Regie der Kiepenheuer & Witsch - Lektorin Bärbel Flad
wagte man sich jetzt an die Neuübersetzung von Salingers Klassiker.
Basis der Neuübersetzung war diesmal der erstmals 1995 neuaufgelegte,
von sittsamen Engländern unbeleckte, wirkliche Originaltext Salingers.
Der vulgäre Slang den Salinger in seinem Roman gebraucht, ist der
Klebstoff der seine kunstvoll komponierte Story transportiert und
Holden Caulfields Ekel vor der verlogenen Erwachsenenwelt visualisiert.
Slang zu übersetzen ist schwer. Neben Phantasie und Gespür für die
Aussage des Originaltextes ist vor allem Kontinuität in der Anwendung
erforderlich. An vielen Stellen kommt so eine Übersetzung einer
Neuschöpfung des Originals gleich. In Salingers Fall durfte auch
nicht die aktuelle Jugendsprache verwendet werden, die ja manchmal
nur die Halbwertszeit von einem Jahr hat, sondern eine zeitlose
Sprache, die Jugendliche in vielleicht 20 Jahren immer noch mitreißt.
Nicht viele deutsche Übersetzer fallen einem da ein, die sich einer
solchen Mühe für einen Text unterziehen. Wolfgang Krege wäre da
zu nennen, der uns mit der Neuübersetzung von Tolkiens "Der
kleine Hobbit" und "Herr der Ringe" einen völlig
neuen Lesegenuss bescherte , oder Andreas Vollstädt, der für seine
Übersetzung von Susan Geasons Roman "Haifischfutter"
in der Neuübersetzung im Haffmans Verlag vielgelobte Arbeit leistete.
Und eben Eike Schönfeld, der die nicht leichte Aufgabe bravourös
für "The Catcher in the rye" meisterte.
"But shit happens!", wie es so schön heißt. Kaufen Sie
sich also sofort die Erstauflage der Neuübersetzung. Sie enthält
einen kleinen Fehler und wird sie deshalb vielleicht einmal zu einem
gesuchten Sammlerstück machen. In Kapitel 12 besucht Holden Caulfield
ein Nachtlokal in der ein Pianist namens Ernie auftritt. Obwohl
Ernie ansonsten kein schlechter Klavierspieler ist, liefert er an
diesem Abend nur Mist ab. Das Publikum beklatscht den eitlen Pianisten
trotzdem wie verrückt. Holden regt sich über diese Verlogenheit
auf.
Im Original von Salinger liest sich das so... "They were exactly
the same morons that laugh like hyenas in the movies at stuff that
isn't funny. I swear to God, if I were a piano player or an actor
or something and all those dopes thougt I was terrific, I´d hate
it. I wouldn´t even want them to clap for me. People always clap
for the wrong things. lf I were a piano player, I´d play it in the
goddam closet. Anyway, when he was finished, and everybody was clapping
their heads off, old Ernie turned around on his stool and gave this
very phony, humble bow.
In der Muehlon/Böll-Übersetzung wurde daraus... "Es waren genau
dieselben Idioten, die im Kino wie Hyänen über etwas lachen, das
überhaupt nicht witzig ist. Wenn ich Pianist oder Schauspieler oder
sonst etwas wäre und all diese Esel mich für fabelhaft halten würden,
könnte ich das nicht vertragen. Ich möchte nicht einmal, dass sie
auch nur klatschen würden. Die Leute klatschen immer für das Verkehrte.
Wenn ich Pianist wäre, würde ich im Klosett Klavier spielen. Als
Ernie aufhörte und alle wie besessen klatschten, drehte er sich
auf seinem Hocker um und antwortete mit einer affektiert bescheidenen
Verbeugung."
Eike Schönfeld übersetzt in der 1. Auflage... " Es waren genau
die gleichen Idioten, die bei Filmen wie die Hyänen über Sachen
lachen, die überhaupt nicht komisch sind. Ich schwöre bei Gott,
wär ich Klavierspieler oder Schauspieler oder was weiß ich und diese
Idioten fänden mich irrsinnig, ich fände das widerlich. Ich würde
nicht mal wollen, dass die mir Beifall klatschen. Die Leute klatschen
immer bloß bei den falschen Sachen. Jedenfalls, als er fertig war
und alle wie die Blöden klatschten, drehte sich der gute Ernie auf
seinem Hocker um und machte so eine ganz verlogene, bescheidene
Verbeugung."
Da ist Herrn Schönfeld ein entscheidender Satz durchgerutscht, aber
KEIN Vorwurf an ihn, solche Sachen passieren eben. Es sind in diesem
Fall die Lektoren, die sich angewöhnen sollten ihren Job RICHTIG
zu machen. Bei der Korrektur der Übersetzung wird in vielen Fällen
nicht mehr mit dem Originaltext verglichen. Für diese "Arbeit"
kassieren Lektoren als Verlagsangestellte bis zu 4000.- Euro NETTO
im Monat und nach ihnen die Sintflut. Der fehlende Satz bei Salinger
ist da allerdings noch eine Harmlosigkeit, im Vergleich zu anderen
Werken die Lektoren korrigiert haben. Der Dumme ist dabei der Übersetzer,
der mit seinem Namen auf dem Vorsatzblatt prangt. "Alle Lektoren
in einen Sack, und draufgehauen." , würde Holden Caulfield
sagen.
G. N.
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