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Cybersex machen immer nur die anderen, die manischen Onanisten und
ewig Verklemmten. Demnach wissen wir alle was Cybersex ist.
Wer wirklich wissen will, was die anderen so alles treiben, sobald
die einsamen Nächte vor dem PC lang und gar nicht mehr einsam werden, der
darf mit diesem Sachbuch seine Vorurteile revidieren. Einerseits ist die
Cybersexszene noch viel schlimmer und andererseits doch viel harmloser als
wir uns das vorstellen. Die ekelhaft grausame Seite hält sich mit der
sinnlich heiteren die Waage.
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So wird viel über Cybersex behauptet, was nur der
Phantasie der Yellow- und Boulevard-Presse oder den "explosiven"
TV-Formaten entstammt. Zum Beispiel
sind es nur selten notgeile Jugendliche, die im Netz virtuellen Abenteuern
hinterherhecheln. Vielmehr sind es die gestandenen Damen und Herren in den
Vierzigern, die im Internet nach Erlösung ihres Triebstaus suchen. Das
Sachbuch von Matthias Mala ist ein Report, der ein Schlaglicht auf das Rotlichtmilieu
im Internet wirft. Er beschreibt die kommerzielle Seite des Online-Sex
ebenso wie das private Laster. Er berichtet vom kriminellen Milieu im Netz
und lässt aktive Cybersexer zu Wort kommen. Selbiges weicht vom gewohnten
Bild, dass uns die Medien allenthalben vorzeichnen, erheblich ab.
Folgt man Malas Beschreibung, sind wir eher Voyeure
und narzisstische Selbstdarsteller, die im Internet nach Nischen suchen, die
wir uns im Alltag nicht mehr gönnen. Denn der Widerspruch ist unübersehbar,
wie die Akteure dieser Szene mit ihren Decknamen zwar auf anonyme Distanz
bedacht sind, aber gleichzeitig intimste Nähe suchen. Wer bislang noch
Zweifel daran hatte, dass Sexualität überwiegend im Kopf stattfindet, wird hier eindrucksvoll
eines anderen belehrt. Mala zeigt dem Leser nämlich die Eingänge im Netz,
die zu den sexuellen Vorlieben führen, von denen unser Nachbar nichts
wissen darf. Und genau da setzt dann die Phantasie ein. Könnten sie sich
zum Beispiel vorstellen Sex mit dem schwammigen Hausmeister Zwetschke von
nebenan zu haben? Nie und nimmer? Im verbalen Cybersex-Net (im Fachjargon
"C6" genannt) könnte ihnen aber genau das passieren. Im Live-Chat
tritt Hausmeister Zwetschke nämlich als "Ramona mit den heißen Schenkeln"
auf, und will es ihnen handschriftlich "tüchtig besorgen". Im Net
darf der Hausmeister endlich seine wahren Gefühle herauskehren.
Der sexuelle Kosmos im Internet bietet für fast jede Vorstellung
eine Plattform. Dort findet "Supergirl" ihre Erfüllung
mit "Maxi-King". Dort verbirgt sich hinter "Fuckmachine"
eine Frau und hinter der tüchtigen Besorgerin "Ramona"
eben der Hausmeister.
Matthias Malas Buch ist eine interessante und gut recherchierte
Bestandsaufnahme unserer Sexualität am Beginn des neuen Jahrtausends.
Werden wir nun alle in Zukunft als Masturbatoren vor dem PC enden?
Auch hier scheut Mala die Analyse nicht. Nein, werden wir nicht.
Es ist doch immer noch am schönsten einen Mann oder eine Frau
kennen zu lernen, deren Nachname nicht aus .JPG besteht. Kritik
allerdings an den Verlag. Wo "Sachbuch" drin ist, sollte
auch "Sachbuch" auf dem Cover stehen. Hinter dem Titel
"Cybersex" könnte sich nämlich alles mögliche verbergen.
Wie sagte Elke Heidenreich neulich in ihrer Literatursendung sinngemäß:
"Man fragt sich wirklich wofür Lektoren heute eigentlich
ihr Geld bekommen?!"
G. N.
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